Schluss machen

Es geht so langsam auf Weihnachten zu und die Menschen werden besinnlicher – oder sollten es zumindest. Mir selbst fällt in letzter Zeit leider immer häufiger mein extrem hohes Stresslevel auf. Wahrscheinlich ist es momentan noch nicht mal höher als normal, ich bin seit ein paar Wochen nur etwas sensibilisierter darauf. Um genau zu sein, seitdem ich mit meinem Pferd Gin von unserem letzten Reitkurs nach Hause fuhr. Die Fahrt war ziemlich lange und ich hatte somit viel Zeit, um in Ruhe über die vergangenen Tage und das Training nachzudenken.

Es war keine einfache Woche für mich gewesen. Die Anlage war toll und meine Lehrerin war sowohl sehr nett als auch kompetent – beste Voraussetzungen für ein durch und durch gelungenes Seminar. Und doch hatte ich es geschafft mir andauernd im Weg zu stehen. Ich war allem und jedem gegenüber kritisch, konnte mich kaum auf die Lehrinhalte einlassen und fragte mich statt dessen die ganze Zeit, ob ich auch wirklich genug lernte und der Unterricht dem Preis angemessen war. Ich setzte mich selbst unter Druck, denn ich strebte eine maximale Ausbeute an Wissen und Können an und konnte am Ende meinen eigenen Erwartungen nicht gerecht werden. Ich hatte mir eine interessante und lehrreiche Woche vor gestellt, den ganzen Tag entspannt abhängen mit dem geliebten Vierbeiner, zwischendurch ein bisschen neuen Input tanken, geselliges Beisammensein mit Gleichgesinnten und Urlaubsstimmung. Letztendlich beschränkte sich mein Urlaubsfeeling aber auf die 3 Seiten eines Romans, die ich mich jeden Abend mehr schlafend als wach zu lesen zwang (schließlich gehört zu einem Urlaub, dass man endlich mal Zeit zum Lesen hat), bevor ich um 9 Uhr völlig erschöpft in einen komatösen, unerholsamen Schlaf fiel.

Auf der Rückfahrt von jenem Kurs ärgerte ich mich so sehr über mich selbst und die Art und Weise, wie ich es geschafft hatte mir trotz bester Absichten meinen Urlaub gründlich selbst zu vermiesen, dass ich am Lenkrad lauf aufschrie und mir selbst den Kampf ansagte. Ich hatte es so unsäglich satt, wie ich mich immer wieder selbst unter Druck setzte, mir Stress machte, wo gar keiner hin gehörte (muss Stress jemals sein?!), und zu allem Übel auch noch andauernd unterschwellig befürchtete ich könnte zu kurz kommen. Ich beschloss kurzerhand, dass damit jetzt Schluss war.

Ich würde jetzt gerne „gesagt, getan!“ sagen, doch ganz so einfach ist es dann ja leider doch nicht. Aber die Entscheidung war aus der Tiefe meines Herzens gefallen und damit ist der erste Schritt zur Veränderung gemacht. Seitdem wird mir zunehmend bewusst, welch großen Raum ich Stress und Opfergedanken in meinem Leben bisher zugestanden habe. Und damit habe ich auch die Chance dies zu verändern. Ich freue mich von nun an auf ein Leben ohne ständigen Zeitoptimierungs-Plan im Kopf, der kontinuierlich ausrechnet was ich noch alles bis zum Schlafen gehen schaffen kann, wenn ich mich nur ran halte. Ich freue mich darauf mit der Kassiererin einen netten Wortwechsel zu haben, anstatt ungeduldig auf das Wechselgeld zu warten. Ich werde es unendlich genießen mir nicht nur Zeit für die Dinge zu nehmen, die mir wichtig sind, sondern auch genug Zeit, um sie mit Liebe zu tun, anstatt mit Pflichtbewusstsein. Und ich werde lernen dürfen, meinen eigenen Bedürfnissen oberste Priorität ein zu räumen – nicht aus Egoismus, sondern im Gegenteil, um der Menschheit damit etwas Gutes zu tun. Denn wenn ich wie eine Furie durch die Gegend hetze und nervlich auf´s Äußerste gespannt bin, ist das weder für mich, noch für meine Mitmenschen eine Bereicherung.

Vor etlichen Jahren hatte ich eines meiner Tagebücher unter das Motto „Lerne dich durch zu setzen – auch gegen dich selbst!“ gestellt. Ich musste schmunzeln, als mir das jetzt wieder ein fiel. Nach all den Jahren bin ich wieder an demselben Punkt angekommen. Vorzeichen und Ausrichtung haben sich geändert, aber im Wesentlichen bleibt es doch ein lebenslanger Prozess, sich immer wieder an die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu erinnern und dann auch die Pobacken zusammen zu kneifen und etwas besser zu machen als davor. Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich mich selbst austrickse oder gar zurück ins alte Muster Falle. Ich glaube, man muss lernen, diese Momente mit Humor zu nehmen und sich nicht über sich selbst zu ärgern. Irgendwann wird es klappen, man muss nur einen kühlen Kopf bewahren und dran bleiben. Beim Training von meinem Pferd ist mir das immer wieder aufgefallen. Und immer wenn ich dachte „Das wird ja nie was“, stand ich kurz vor einem großen Durchbruch. Manchmal muss etwas erst schlechter werden, bevor es besser werden kann. Das Wichtigste ist, den Glauben an die positive Veränderung nicht auf zu geben. Dann hat man fast schon gewonnen.

 


 

Wenn du es eilig hast,

mach einen Umweg.

Japanisches Sprichwort

 Traumjaeger.net: Ausritt

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