Lebensweisheiten aus London

Vor einigen Wochen verbrachten Filipe und ich ein paar wunderschöne Tage in London. Naja, es war manchmal auch etwas erschöpfend, denn mein sonst so langschläfriger Freund mutierte plötzlich zum Frühaufsteher und konnte es bereits morgens nicht erwarten mich den ganzen Tag die abenteuerlichen Straßen Londons rauf und runter zu scheuchen. Aber es lohnte sich und wir hatten eine wirklich schöne Zeit bei völlig unbritisch strahlendem Sonnenschein.

Es gab allerdings auch zwei Dinge, die mir während dieser Tage immer wieder negativ auffielen und sich in mein Gedächtnis brannten: Meinen ersten kleinen Kulturschock erhielt ich kurz nach unserer Ankunft, als wir um halb elf Uhr morgens in einen Pub gingen, um dort eines der legendären „Full English Breakfasts“ zu genießen. Außer uns saßen noch einige Arbeiter in dem Pub, die ebenfalls etwas aßen, sowie einige Rentner, die vor ihrem ersten (?) Pint des Tages saßen. Ich nippte brav an meiner Tasse Tee und dachte noch wie schade es sei, dass diese älteren Herren sich schon so früh im Pub zum Bier trinken trafen, als eine ältere Dame die Kneipe betrat. Sie verschwand für ein paar Minuten aus meinem Blickfeld, als sie zum Bestellen an die Bar ging. Doch als sie mit einem Glas Weißwein (laut Filipe definitiv Pinot Grigio) zurück kam und sich ganz alleine an einen Tisch am Fester setzte, rutschte mir mein Herz in die Hose. Am liebsten wäre ich aufgestanden und hätte mich zu ihr an den Tisch gesetzt, aber das habe ich mich nicht getraut. Wir blieben noch etwa eine halbe Stunde in der Kneipe, doch die anderen Stühle an ihrem Tisch blieben leer.

Während der nächsten Tage stellte sich leider heraus, dass diese Begebenheit kein Einzelfall war. Die trinkenden Rentner fielen mir bei jedem unserer Frühstücksbesuche auf. Ich empfand die Vorstellung, nach einem langen arbeitsreichen Leben nicht mehr an Lebensinhalt zu haben, als ein Glas Pint oder Pinot Grigio in einem schäbigen Pub äußerst deprimierend. Es war so unendlich trostlos, dass diese alten Menschen mit ihrem Leben nichts mehr besseres anzufangen wussten, als sich bereits vormittags im Pub den Alkohol hinter die Binde zu kippen. Und die ältere Dame dazu noch nicht mal eine Begleitung zu erwarten schien. Diese Menschen betranken sich nicht willkürlich, sie wussten anscheinend nur nicht, wo sie sonst hin sollten. Der Pub schien für sie die beste Alternative zu sein. Und diese war wirklich nicht grandios.

Natürlich erwarte ich von einer Kneipe nicht, dass alles blitzeblank geputzt ist, sodass man auch vom Boden essen könnte. Aber die zweite Sache, die mir immer wieder negativ auffiel, war, dass man in manchen Pubs schon aus dem einfachen Grund vom Boden hätte essen können, weil dort so viele Essensreste herum lagen: Eine halbe Wurst hier, ein Häufchen Pommes da, und so weiter. Und das wie gesagt bereits zur Frühstückszeit. Da drängt sich die Frage auf, ob hier denn eigentlich jemals sauber gemacht wird. Und auch sonst war die Einrichtung oft sehr herunter gekommen und das Personal ließ deutlich an Motivation zu wünschen übrig.

Diese Pubs waren sicherlich keine noblen Etablissements, aber mit ein bisschen gutem Willen hätte man hier bereits wahre Wunder vollbringen können. An dieser Stelle wurde mir mal wieder klar, wie wichtig es ist, erstens ein Ziel vor Augen zu haben und engagiert darauf hin zu arbeiten und zweitens, was man tut auch mit Liebe zu machen. Eine Vision zu haben, kann so viel Motivation und Antrieb geben, dass sie uns zu glücklicheren Menschen macht. Einen Sinn zu sehen in dem, was man tut – und sei es auch nur den Gästen eine angenehme Atmosphäre für ihr Frühstück zu bereiten. Die Dinge anzupacken und umzusetzen, Neues zu erschaffen, aus eigener Kraft oder mit der Hilfe anderer, kann unsere Welt zum Strahlen bringen. Es müssen nicht immer große Pläne sein. Manchmal reicht es schon zu wissen, warum man am nächsten Morgen aufstehen möchte. Wofür es sich lohnt zu leben. Und wenn es auch nur ein ganz kleiner Beitrag zur Menschheit sein sollte: Es ist immer noch besser, als morgens um halb 11 in einem Pub das Bier in kleinen wohl portionierten Schlückchen zu trinken und seine verbleibende Lebenszeit abzusitzen.

 


 

We are all worms.

But I do believe that I am a glow-worm.“

Winston Churchill

Traumjaeger.net: Westminster Station

Dieser Beitrag wurde unter Persönliches Wachstum, Reisen, Traumjäger Blog veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s