Begegnungen in Portugal

Es war bereits später Vormittag, als Filipe und ich aufbrachen. Über die holprige Auffahrt unserer Unterkunft, die zum Teil aus einer alten römischen Straße besteht, und dann weiter durch die scheinbar endlosen Serpentinen des Douro-Tals im Norden Portugals. In einer Kleinstadt treffen wir auf eine lange Schlange alter Lastwägen, deren offene Ladeflächen überquellen an frisch gepflückten Weintrauben und darauf warten ihre Schätze in Geld zu tauschen. Es ist Erntezeit und auf unserer Fahrt durch die Berge sieht man überall emsiges Treiben in den Weinbergen.

Unser Weg führt uns nach Baião und dann weiter in die Sierra de Marão. Es war ein Tipp von Isabel, der sympathischen Leiterin unserer Unterkunft, dort einige prähistorische Sehenswürdigkeiten anzuschauen. Mit einer kleinen rudimentären Karte in den Händen machen wir uns also auf ins Gebirge. Die Schotterpisten sind holprig, aber befahrbar, und wir schlängeln uns durch eine immer karger werdende Landschaft. Wir erreichen bald eine kleine Kapelle auf einer Art Plateau und steigen aus. Kleine violette Blüten scheinen direkt aus dem Boden zu sprießen und verwandeln ihn in einen farbigen Teppich. Die Aussicht ist grandios und wir genießen die Ruhe. Wir sind die einzigen Besucher und außer dem Brummen und Zirpen von Insekten ist es völlig still. Ein frischer Wind schmiegt sich sanft an uns.

Nachdem wir genug von dieser Atmosphäre getankt haben, fahren wir weiter. Riesige Gesteinsbrocken liegen wahllos in der Landschaft verstreut und ihre rundlichen Oberflächen erwecken den Eindruck, als wären sie aus einer anderen Galaxie auf die Erde herab gefallen. Es gibt vereinzelte Wandermarkierungen und wir steigen mehrmals aus, um ihnen zu den Sehenswürdigkeiten zu folgen. Doch wir scheinen nie am Ziel anzukommen, und drehen jedes Mal wieder um. Durch Zufall entdecke ich eines der prähistorischen Gräber am Wegesrand, denn die Felsformation schaut genauso aus wie die auf unserer Karte. So langsam dämmert uns, dass hier jegliche Beschilderungen fehlen und man selbst die wichtigen Felsen von den unwichtigen unterscheiden muss. Gar nicht so einfach, wenn man lauter Steine um sich herum liegen hat!

Wir irren noch einige Zeit in der Gegend herum, bis ich schließlich eine Überdosis an Gesteinen habe und mir der Magen knurrt. Dann fahren wir zurück nach Baião und suchen die Kneipe, die uns Isabel zum Essen empfohlen hat. Auf dem Weg kommen wir an einem alten Supermarkt vorbei und gehen hinein, um ein paar Flaschen Wasser zu kaufen. Drinnen fehlt es dem Laden an jeglicher Modernität und erinnert an vergangene Jahrhunderte. Hier kann man wirklich alles kaufen, was bis vor ca. 50 Jahren aktuell gewesen war. Eine Art prähistorischer Mix aus OBI und Edeka. Die Regale sind voll gestopft und mit einer dicken Staubschicht überzogen. Wir zahlen bei einem kleinen alten Männlein, das Filipe den Preis in der Währung nennt, die zu Zeiten des letzten portugiesischen Königs aktuell gewesen war. Als Filipe anmerkt, dass diese Währung aber schon etwas veraltet sei, antwortet der Alte: „Ach junger Mann, der Unterschied besteht nur in ein paar Nullen und hier hat sich seitdem nicht viel verändert.“ Das glauben wir ihm aufs Wort und machen uns weiter auf die Suche nach unserer Kneipe. Als wir sie finden, öffnet eine Kellnerin gerade den Laden. Aber wir haben Pech, denn der Koch ist noch nicht da und sie weiß nicht, wann er kommt. Nachdem ich mittlerweile ein ganz schönes Loch im Magen habe und hungrig nicht gut zu haben bin, beschließen wir weiter zu fahren.

Über die Serpentinen geht es zurück in Richtung Unterkunft. Jetzt, am Nachmittag, ist es gar nicht so leicht in dieser ländlichen Gegend etwas zum Essen aufzutreiben. Mehrere Restaurants sind bereits geschlossen. Wir erinnern uns an eine Kneipe, die wir auf dem Hinweg gesehen haben. Drei alte Männer waren davor gesessen – ein gutes Zeichen! Wir beschließen dort unser Glück zu versuchen. Sie ist auch nicht schwer zu erkennen, denn als wir an kommen, sitzen die alten Herren noch immer davor. Wir grüßen und gehen hinein. Im Inneren befindet sich ein kleiner Raum mit einer Theke, drei kleinen Metalltischen und mehreren Stühlen. An der Wand hängen einige Packungen Kaugummis und Chipstüten und natürlich fehlt auch der obligatorische Fernseher nicht, den es in jeder portugiesischen Kneipe/Restaurant/Café gibt. Außer der sympathisch wirkenden Wirtin mit den rosigen Wangen befinden sich noch ein Mann und eine Frau mittleren Alters im Raum. Filipe bestellt zwei Bier und fragt nach etwas Essbaren. Es folgt eine scheinbar hitzige Diskussion zwischen den anderen Anwesenden, von der ich nichts verstehe und schließlich verschwindet die Wirtin für längere Zeit. Filipe erklärt mir, dass es außer Brot mit Schinken und Käse nichts geben würde, aber der Mann, ein ehemaliger Soldat, und seine Frau hätten sich eingemischt und jetzt sei die Wirtin dabei deren Kühlschränke zu plündern, um uns einige Kleinigkeiten zu zaubern. Alle Anwesenden hier wohnten im Dorf und es wäre ganz selbstverständlich, dass man zusammen helfen würde. Ich bin baff von so viel Liebenswürdigkeit, aber viel Zeit bleibt mir nicht zum Staunen, denn schon kommt die Frau des Soldaten auf uns zu und fragt nach unserem Ausflug in die Berge. Sie hätte die dicke Staubschicht auf unserem Auto gesehen, daher wüsste sie, wo wir gewesen waren. Sie erzählt uns, dass die Kapelle aufgrund ihres Vaters gebaut worden sei, nachdem er dort oben eine Begegnung mit Gott gehabt hatte. Er war mit seinen Schafen in dichten Nebel gekommen und habe den Weg nicht mehr gefunden. Er betete zu Gott ihm zu helfen, und tatsächlich lichtete sich der Nebel und gab einen schmalen Pfad frei, der ihn sicher zurück ins Dorf brachte. Die Frau zückt ihr Handy und zeigt uns Fotos von ihrem Vater und der Kapelle, an der ein Mal im Jahr eine große Prozession zum Gedenken veranstaltet wird. Filipe und ich machen große Augen und bekunden fleißig unsere Bewunderung, während ihr Ehemann abschätzige Kommentare von sich gibt, und die Geschichte als Aberglaube ab tut.

Während unserer Unterhaltung betreten zwei weitere Frauen den Raum uns setzen sich an den freien Tisch. Die Wirtin ist noch immer verschwunden, aber keiner stört sich daran, oder fragt nach ihr. Hier hat man Zeit und wartet ganz einfach, bis man bedient wird. Schließlich kommt die Wirtin aber zurück und bringt uns ein riesiges Tablett mit Schinken, Brot, Kabeljaukroketten und einer gebratenen portugiesischen Wurst bestehend aus Hühnerfleisch, Schweinefleisch und Maisbrot. Alles ist frisch und schmeckt fabelhaft. Während wir essen schaltet sich eine der neuen Frauen ins Gespräch ein. Ich schätze sie auf Ende dreißig und sie ist etwas füllig und hat lockiges braunes Haar. Sie wirkt aufgeschlossen und freundlich. Filipe erzählt von unserer Idee eines B&B mit Pferden, woraufhin eine leidenschaftliche Diskussion zwischen ihr und der Frau des Soldaten entflammt. Es werden alle Details durchgesprochen – wo unsere Farm die besten Chancen hätte, wie viel sie für eine Reitstunde bezahlen würden, etc. Filipe und ich sitzen nur da und lauschen, während die Frauen alle Pros und Contras abwägen und unsere Zukunft für uns planen.

Schließlich wechselt die Wirtin das Thema, fixiert Filipe und verkündet, dass sie ihn schon einmal gesehen hätte. Filipe versichert ihr, dass er zum ersten Mal in dieser Gegend sei, und eine frühere Begegnung somit äußerst unwahrscheinlich. Aber davon lässt sie sich nicht beirren und beharrt darauf, dass sie ihn schon einmal getroffen hätte. Die Neue mischt sich daraufhin ins Gespräch und gibt der Wirtin Recht, denn – so findet sie – wäre es einfach völlig unmöglich, sich an solch einen Mann nicht zu erinnern! Wir lachen und wenig später verabschieden wir uns herzlich von allen. Sie entschuldigen sich für die kleine Mahlzeit und schlagen vor, dass wir Ihnen das nächste Mal Bescheid geben sollten, wann und was wir essen möchten, dann würden sie alles für uns zubereiten. Ich bin gerührt von so viel Gastfreundschaft. Satt und gut gelaunt schwingen wir uns in unseren von einer 2 cm dicken Staubschicht bedeckten Toyota und fahren neuen Abenteuern entgegen.


Wenn du denkst,

Abenteuer sind gefährlich,

dann versuch`s mal mit Routine.

Die ist tödlich.“

Paulo Coelho

Traumjaeger.net: Lissabon

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2 Antworten zu Begegnungen in Portugal

  1. mbaumgartner1 schreibt:

    life is so beautiful and is full of surprises…. open the door and let the adventure begin… the world will make sure you find your own happiness and no time is wasted looking for your happiness…

    Gefällt mir

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