Positives Denken für Anfänger

Ich habe in letzter Zeit viel über die Bedeutung unserer Gedanken gelesen und wie wichtig es ist, sich auf die positiven Dinge des Lebens zu fokussieren. Denn nur wer positiv denkt, wird auch gute Dinge in sein Leben ziehen, so heißt es. Und anders herum gilt nach dieser These ebenfalls: Wer Schlechtes denkt, dem wird auch Schlechtes widerfahren.

Den ganzen Flug über nach Porto, Portugal las ich in einem Buch zu diesem Thema. Ich war mir noch nicht sicher, inwieweit ich dem ganzen Glauben schenken möchte, aber mir gefiel der Gedanke, den Verlauf der Dinge kraft meiner Gedanken positiv beeinflussen zu können. Die Sache war durchaus einen Versuch wert.

Noch im Flugzeug klappte ich das Buch zu, schloss die Augen und stellte mir vor, wie harmonisch und aufregend unsere kommenden Tage in Portugal werden würden und wie glücklich Filipe und ich dabei wären. Eine Welle an positiver Energie durchflutete mich daraufhin und ich fühlte mich, als würde ich in einer Badewanne der Fülle planschen. Verschwunden waren alle negativen Gedanken und heimlich nagenden Zweifel. Zurück blieb die freudige Erwartung eines Kindes vor Weihnachten.

So gestärkt und bester Laune landeten wir Sonntag Abend mit leichter Verspätung und machten uns auf den Weg zu unserem vorab gebuchten Mietwagen. Die Autovermietung lag nur einen Steinwurf vom Flughafen entfernt, doch bei unserem Eintreffen erwartete uns ein verschlossenes Tor in der Dunkelheit. Auf einem Schild neben dem Eingang standen die Öffnungszeiten: 8-20h. Es war jetzt halb 9 und keine Menschenseele mehr da. Auf der angegebenen Notfallnummer hob niemand ab und so machten wir uns zähneknirschend auf die Such nach einem Taxi, das uns in unser Hotel bringen würde. Ich fühlte mich betrogen und niedergeschlagen. Bereits bei unserem letzten Besuch in Portugal hatten wir schlechte Erfahrungen mit unserer damaligen Autovermietung erlebt. Damals hatten sie uns eine horrende Summe für eine Versicherung abgenommen, die laut unserer Buchung im Internet bereits enthalten war. Daraufhin hatte ich diesmal die Buchung des Autos selbst in die Hand genommen – wie sich jetzt heraus stellte jedoch mit noch mäßigerem Erfolg. Doch die größte Enttäuschung erwartete uns am nächsten Morgen, als wir kurz nach Ladenöffnung im Büro des Autovermieters standen und der uns mitteilte, dass unsere Buchung abgelaufen sei und wir kein Recht mehr auf unser Auto hätten. Als Filipe nachfragte, ob wir „unser“ Auto dann eben erneut mieten könnten, behauptete der einfach brüsk, dass er kein freies Auto zur Verfügung hätte.

Da standen wir nun ohne Auto in Portugal und unser geplanter Roadtrip und straffer Zeitplan rückten in weite Ferne. Meine anfängliche grenzenlose Wut schlug um in Hoffnungslosigkeit und Selbstmitleid und ich konnte mir ein paar Tränen nicht verkneifen. Immer musste mir so etwas passieren! Warum konnte nicht einfach mal etwas reibungslos ablaufen? Warum wurde ich immer so unfair behandelt? Zum Teufel mit dem positiven Denken! Trotz meiner positiven Einstellung hatte ich mir am Ende mehr Schaden eingehandelt, als ich mir vorher Schlechtes hatte vorstellen können!

Wir klapperten alle Autovermieter des Flughafens ab, doch wegen der Ferienzeit hatten diese entweder keine freien Autos verfügbar, oder nur hochklassige Fahrzeuge für mehrere hundert Euro. Entmutigt wartete ich in einem Büro, bis der Mitarbeiter Zeit hatte, während Filipe anderswo sein Glück versuchte. Während ich wartete, warf ich dem ahnungslosen Mann heimlich vernichtende Blicke zu und verwünschte ihn und seinen gesamten Berufsstand, der in meinen Augen ausnahmslos aus Betrügern bestand. Ich war wütend auf die Ungerechtigkeit dieser Welt und insgeheim auch auf mich selbst, dass ich die Öffnungszeiten vorher nicht besser gecheckt hatte. Als sich der Mitarbeiter mir schließlich zuwendete, hatte ich gar keine echte Lust mit ihm zu sprechen, denn ich war mir sicher, dass wir auch hier wieder eine Abfuhr bekommen würden. Trotzdem teilte ich ihm mein Anliegen mit und er machte sich auf die Suche nach einem Angebot. Als er zurückkam und mir auf einem Taschenrechner den Preis für das günstigste Auto, das er zur Verfügung hatte, unter die Nase hielt, traute ich meinen Augen kaum. Der Betrag war tatsächlich bezahlbar! Natürlich viel zu hoch für einen Fiat Panda, aber immerhin ein Auto! Ich rief Filipe zu mir und der Deal wurde fix gemacht. Der Mitarbeiter, der Hugo hieß, verwandelte sich innerhalb von Sekunden von meinem heimlichen Feind in den Retter nicht nur unseres Tages, sondern unserer ganzen Mission „B&B in Portugal“. Unser Auto war nicht gerade das geeignetste für die weite Strecke, die vor uns lag, aber ich liebte es sofort und wir tauften es liebevoll den „schwarzen Panda“ und hatten tatsächlich viel Spaß dabei ihn beim Beschleunigen auf der Autobahn lautstark anzufeuern.

Und der Rest der Reise? Der verlief tatsächlich so, wie ich es mir im Flugzeug vorgestellt hatte. Wir liefen auf wunderschönen Anwesen herum, machten Pläne wo was zu entstehen hatte und bauten Gedankenschlösser, wie das Endprodukt nach allen Umbauarbeiten aussehen könnte. In Gedanken überschlugen wir anfallende Kosten und überlegten, ob dies das Haus war, das unsere Träume Wirklichkeit werden lassen würde. Wir lernten von jedem Objekt mehr, auf was wir beim nächsten zu achten hatten und machten Bekanntschaft mit Menschen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Nach einer Besichtigung trafen wir in der Taverne des Dorfes zufällig auf den Immobilienmakler und den Hauseigentümer, die uns freudig zu sich winkten und uns zum Essen einluden. Ein andermal fragten wir einen anderen, nicht ganz so sympathischen Immobilienmakler nur nach einem Restaurant in der Nähe, der sich daraufhin aber nicht mehr abschütteln ließ und unsere Frage wohl als Einladung auslegte. Es waren lange Tage, die wir die meiste Zeit im Auto verbrachten, und wir fuhren durch viele verschiedene Gegenden. Einige davon hatte selbst Filipe, der in Portugal geboren ist und dort einige Jahre seines Lebens verbrachte, noch nie gesehen. Unsere Fahrt verlief von Norden nach Süden, und als wir schließlich am letzten Tag unserer Reise im Alentejo, dem Pferdeland Portugals, angekommen waren, wussten wir, dass dies die richtige Gegend für unser künftiges B&B ist. Ich liebte die weite, scheinbar unberührte Natur, die ockerfarbene Kargheit der Felder und das Schutz vor der Sonne versprechende Grün der Bäume. Häuser gab es hier nur vereinzelt und manchmal konnte das Auge bis zum Horizont kaum Anzeichen von Zivilisation erkennen. Die Städtchen dagegen waren ordentlich und einladend, mit Sehenswürdigkeiten und Restaurants. Eine Gegend, in der vielleicht keine Wünsche offen bleiben.

Im Alentejo hatten wir zwei Termine für Hausbesichtigungen: Das erste, das bereits über Pferdeboxen und einen Reitplatz verfügte, war vorab unser Favorit. Als wir dort ankamen, stellte sich jedoch heraus, dass die Fotos im Internet mehrere Jahre alt waren und das Anwesen in der Zwischenzeit ganz schön herunter gekommen war. Es war trotzdem vielversprechend, aber es konnte uns nach unseren großen Erwartungen nicht mehr so richtig überzeugen. Das letzte Haus auf unserer Liste dagegen war auf den Fotos sehr hübsch, aber es schien im absoluten Nichts zu sein, denn außer Feldern und Bäumen war drum herum nichts zu erkennen. Wir überlegten, ob es die Fahrt wert war und entschieden schließlich, ihm eine Chance zu geben. Und tatsächlich begeisterte es uns auf Anhieb. Es gab weder Pool noch Garten, aber es lag nur wenige Autominuten von einem hübschen Städtchen entfernt und befand sich auf einem sanften Hügel, von dem man einen schönen Blick auf die Umgebung hatte. Als wir schließlich das Innere des Hauses betraten, war es gänzlich um uns geschehen: Eine bis ins Detail durchdachte Bauweise und eine stilvolle Einrichtung, die genau nach unserem Geschmack war, erwarteten uns. Hier fühlten wir uns sofort wohl!

Noch Stunden später, als wir bereits im Flugzeug Richtung Heimat saßen, musste ich andauernd an dieses letzte Anwesen denken. Es ging mir einfach nicht mehr aus dem Kopf: Die sanften Farben des Hauses in der Abenddämmerung, die weichen Formen der Fassade, die mit der Umgebung zu verschmelzen schienen und die einladende Gemütlichkeit in seinem Inneren hatten Filipe und mich in seinen Bann gezogen. Noch standen viele Fragen offen und es war noch lange nichts entschieden, aber ich war dankbar, bereits auf unserer ersten Suche ein so vielversprechendes Angebot gefunden zu haben. Ich dachte an meinen Versuch des positiven Denkens auf unserem Hinflug und musste feststellen, dass ich letzten Endes doch genau das bekommen hatte, was ich mir damals wünschte. Von dem Drama um das Mietauto abgesehen, war unsere Reise ein voller Erfolg gewesen und wir hatten wunderbare, inspirierende und motivierende Tage verlebt. Vielleicht hätte ich auf dem Hinflug einen reibungslosen Ablauf bei der Mietwagenfirma mit in meine Wunschvorstellung nehmen müssen, und das Ganze wäre nicht passiert. Doch wie hätte ich vorher wissen sollen, dass genau hier eine Enttäuschung auf uns wartete? Mir wurde mal wieder klar, dass sich das Leben nicht kontrollieren lässt und jeder Versuch es auszutricksen zwangsweise nach hinten losgehen muss. Vielleicht können wir das Leben tatsächlich positiv beeinflussen, indem wir Gutes denken, aber wir dürfen nie erwarten, dass uns von nun an keine negativen Dinge mehr widerfahren. Wir müssen das Leben so annehmen wie es ist, uns den Herausforderungen entschlossen stellen und Dankbarkeit für alles Gute empfinden, das wir erleben dürfen. Nur dann können wir wirklich Frieden und Harmonie finden.

Ich habe beschlossen dem positiven Denken noch eine Chance zu geben. Auf dem Rückflug las ich weiter in meinem Buch und stellte fest, dass ich dabei einige Fehler gemacht hatte. Ja, auch das positive Denken will gelernt sein und ist nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint. Doch jeder Tag bietet tausende Möglichkeiten zum Üben, man muss sie nur ergreifen.

 


 

„An Zorn festhalten ist wie Gift trinken und erwarten,

dass der andere dadurch stirbt.“

Buddha

Traumjaeger.net: Porto

 

 

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