Zwischen Wunschdenken und Realität

Es begann bereits vor unserer letzten Reise nach Portugal. Während Filipe und ich die wenigen Wochen zwischen unseren beiden Portugal-Trips damit zubrachten, an unserem Business-Plan zu feilen und Kontakt mit einem Unternehmensberater auf zu nehmen, erwähnte unser Immobilienmakler Fernando einen alten, stark renovierungsbedürftigen Palast aus dem 18. Jahrhundert, der zu einem guten Preis zum Verkauf stand. Ich hatte das Objekt bereits auf seiner Website angeschaut und – obwohl es trotz des desolaten Zustands wirklich zauberhaft aussah – nicht näher in Erwägung gezogen. 1900 m² herunter gekommene Wohnfläche erschien mir zu teuer und zu zeitaufwändig in der Renovierung und darüber hinaus auch einfach zu groß für unser Vorhaben. Schließlich hatten wir uns bereits entschieden keine Ruine zu kaufen und sogar schon ein vielversprechendes Haus gefunden, das gut in Schuss war. Doch dann erzählte Fernando von Zuschüssen, die die portugiesische Regierung zur Renovierung historisch interessanter Bauwerke vergab, und plötzlich erschien der Erwerb dieses kleinen, alten Palastes gar nicht mehr so abwegig.

Ich erlaubte mir, die Fotos im Internet noch einmal anzusehen und war sofort verliebt. Die alte Fassade mit den vielen besonderen Details, die entzückende Kapelle mit ihren Holzfiguren, die großzügigen Zimmer mit Stuckdecken und Wandmalereien, erinnerten an ein kleines Schloss aus einer anderen Zeit. So ein Haus kaufen zu können klang zu schön um wahr zu sein. Filipe und ich überlegten tagelang, ob und wie wir unser Projekt mit diesem Haus verwirklichen könnten und entschieden schließlich, dass wir es anschauen wollten. Vielleicht war das die einmalige Gelegenheit, auf die wir gewartet hatten.

Zwei Tage vor unserem Flug nach Portugal kam dann die ernüchternde Nachricht: Der Palast – unser Traumschloss – war verkauft. Jemand hatte ihn sich angesehen und sofort zu geschlagen. Binnen Sekunden waren alle heimlichen Hirngespinste zerstört. Es würde keinen Filipe geben, der Zigarre rauchend und mit seinem englischen Terrier bei Fuß über sein Anwesen lustwandelte und ich würde nicht zur Hofdame mutieren und den, die Schönheit des Ortes mit offenen Mündern bestaunenden Gästen, ihre Gemächer zeigen. Natürlich würden wir uns damit auch 2-3 Jahre Renovierungsarbeiten (er-)sparen und die damit zwangsweise verbundene finanzielle Knappheit, wenn nicht sogar unseren Ruin. Aber davon wollte ich in dem Moment nichts wissen. Ich war traurig. Die Vorstellung, an diesem Ort zu leben, war zu schön gewesen und es schmerzte, sich davon zu lösen. Auch wenn mir klar war, dass wir diesen Palast am Ende wohl niemals gekauft hätten.

So begann unser jüngstes Abenteuer in Portugal mit dieser kleinen, schmerzhaften Ernüchterung. In einem Anflug von Verzweiflung suchte ich im Internet noch nach ähnlichen alten, renovierungsbedürftigen Palästen, aber keiner erschien mir so schön wie „unserer“ und zudem waren die Preise trotz der schlechten Zustände meist astronomisch. Also blieb mir nichts anderes übrig, als mich langsam wieder mit der Realität anzufreunden. Widerwillig, natürlich.

Doch viel Zeit zum Trübsal blasen blieb mir nicht, denn unsere wenigen Tage vor Ort waren vollgestopft mit Terminen. Der Hauptgrund unserer Reise war das Haus, das uns bei unserem letzten Besuch so gut gefallen hatte und das für unser Projekt „B&B mit Pferden“ ganz gut zu passen schien. Jetzt galt es, das Objekt und seine Umgebung genauer unter die Lupe zu nehmen. Fernando machte uns dazu mit zwei Architekten und einem Handwerker bekannt, mit denen wir stundenlang über das Anwesen liefen, Bausubstanzen prüften, Reparaturen besprachen und diverse Möglichkeiten von Renovierungsarbeiten in Betracht zogen und teilweise wieder verwarfen. Es wurden Pläne geschmiedet für den zukünftigen Pool, ein zusätzliches Gästehaus und wir überlegten, die ehemalige Scheune, von der nur noch eine Ruine übrig war, als kleines Häuschen für uns selbst wieder auf zu bauen. So sehr wir uns auf Gäste freuten und hofften, dass sie auch reichlich kommen würden – ein bisschen Privatsphäre muss eben auch sein. Darüber hinaus musste man überlegen, ob man den Pferdestall aufwändig renovierte, oder einfach gleich neu machte, und was mit Hühnerstall und Hundezwinger zu tun sei. Letzterer würde wohl entfernt werden und Platz für ein schönes Blumenbeet machen.

Wir fuhren die direkte Umgebung des Hauses ab und stellten fest, dass man vom hinteren Tor aus direkt auf unbefestigten Wegen reiten konnte. Wir folgten dem Wegesverlauf und zu meinem freudigen Erstaunen gelangte man von dort gleich in den Wald, wo es nur noch ein kurzer Ritt zum Fluss war. Wir fanden sogar eine Stelle, an der sich eine alte Straße im Fluss verlief, sodass man hier sogar mit den Pferden ans oder ins Wasser reiten konnte. Auf der anderen Seite des Hauses dagegen befand sich eine hübsche Kirche und das Grundstück gegenüber der Frontseite gehörte dazu. Die Chancen standen daher nicht schlecht, dass hier so schnell nichts hässlich verbaut werden würde.

Wir befragten dazu auch den Bürgermeister des Städtchens, der uns freundlicher Weise empfing. Er war ein sehr netter Mann, der großes Interesse an unserem Vorhaben zeigte und uns seine Unterstützung zusicherte. Er hatte bereits einige Projekte am Laufen, die dazu dienen sollten, den Tourismus in der Gegend weiter in Gang zu bringen, und so schien ihm ein Gästehaus mit Pferden gut ins Konzept zu passen. Wir hatten uns ja für eine noch wenig touristische Gegend entschieden und eine unserer Sorgen bestand darin, ob sich in Zukunft auch genug Gäste zu uns verirren würden. Mehr als einmal fragten wir uns, ob wir nicht doch ins Alentejo gehen sollten, wo der Tourismus bereits blühte. Doch je mehr wir „unser“ Städtchen und seine Umgebung kennen lernten, desto besser gefiel uns diese Gegend.

Die Stadt war nicht groß, dafür aber gepflegt und mit einem hübschen alten Stadtkern mit den typischen alten Steinhäusern und kleinen Gassen, in denen man sich verlaufen konnte. Es gab hier noch die kleinen verstaubten Läden aus einer längst vergessenen Zeit, einst ein Aushängeschild Lissabons, die man dort mittlerweile aber mit der Lupe suchen muss. Man fand Restaurants und mehrere Supermärkte und Tankstellen, Apotheken und Cafés, und was der Mensch sonst noch so zum täglichen Überleben benötigt. „Unser“ Haus befand sich in einem Seitenarm des Städtchens und mit dem Auto gelangte man in wenigen Minuten ins Zentrum, oder man konnte sogar den öffentlichen Bus nehmen. In nur einer Stunde Fahrzeit konnte man sowohl am Strand liegen, als auch in den Bergen wandern oder Ski fahren (ja, es gibt sogar ein Skigebiet in Portugal!), oder man entschied sich zum Baden einfach für eine der zahllosen Flussstrände in der direkten Umgebung, wo man teilweise sogar Wasserski fahren kann. Und wem das alles zu langweilig ist, für den gibt es sogar noch ein kleines, aber feines Kulturangebot. Kurz gesagt: Wir verliebten uns in diese Region, Tourismus hin oder her. Die vielseitigen Möglichkeiten beeindruckten uns, das gemäßigte Klima und satte Grün der Natur überraschte uns und die Freundlichkeit und Herzlichkeit der Menschen überzeugte uns schließlich, dass hier der richtige Ort für unsere Zukunft ist.

Ein kleiner Wermutstropfen blieb jedoch zurück, und der galt meinem verlorenen Palast. Das Haus, das wir uns ausgesucht haben, ist wirklich schön und immerhin 200 Jahre alt, aber es ist eben kein Zauberschloss und kann damit nicht konkurrieren. Es fiel mir schwer, mich von meinen Wunschträumen zu lösen und der Realität ins Auge zu blicken. Ich befragte unseren Immobilienmakler Fernando und unternahm noch eine letzte Anstrengung im Internet, bevor ich die Vorstellung vom Palast oder Herrenhaus loslassen konnte und mich an dem erfreute, was möglich und greifbar war. Und je weiter sich das Flugzeug von Portugal in Richtung Heimat entfernte, desto irrsinniger erschien mir meine Trauer um den Palast, der viel zu groß und pompös für unser Projekt war. Unser Ziel ist kein Traumschloss, sondern ein elegantes, aber bodenständiges Gästehaus, das durchaus einen Hauch rustikal sein darf. Unser eigenes kleines Paradies, das wir gerne mit anderen teilen wollen. Mit Tierliebhabern, Pferdebegeisterten, Erholungsbedürftigen, Naturfreunden, Genießern und Leuten, die am unverfälschten Portugal interessiert sind.

 


 

“Wir können den Wind nicht ändern,

aber die Segel anders setzen.“

Aristoteles

 

Traumjaeger.net: Santa Comba Dão

 

 

 

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