Kopfzerbrechen

Es kommt mir vor wie gestern, als ich meinen Jahresrückblick geschrieben habe und von einem eigenen Bed and Breakfast mit Pferden in Portugal träumte. Jetzt, nur 3 Monate später, ist es plötzlich zum greifen nahe und bevor ich den großen Sprung in die Erfüllung meiner Träume wage, darf ich mir noch etwas Zeit nehmen, um in mich hinein zu hören und mich zu fragen, ob es das wirklich ist, was ich im Leben will.

Viele werden jetzt vielleicht denken, dass ich diese Frage doch wohl schon längst für mich beantwortet haben sollte, aber ganz so einfach ist es eben manchmal nicht. Bereits in der Vergangenheit ist mir immer wieder aufgefallen, dass ich vor jedem großen Schritt nach vorne auch wieder mit meinen tief liegenden, inneren Ängsten konfrontiert wurde. So zum Beispiel gegen Ende meines Studiums, als das praktische Semester anstand und ich mir in den Kopf gesetzt hatte, es in Australien und Neuseeland abzuleisten. Ich setzte mich an den Computer und verschickte ins Blaue hinein Bewerbungen, bekam Zusagen und buchte meine Flüge. Bis dahin war alles erstaunlich einfach gewesen und ich freute mich tierisch auf mein Abenteuer. Doch irgendwann rückte der Zeitpunkt der Abreise näher und plötzlich fragte ich mich, was zum Teufel ich mir denn da eingebrockt hatte – davon zu träumen war ja schön gewesen, aber jetzt musste ich da tatsächlich auch hin!!

Es war ja nicht so, dass ich zu dem Zeitpunkt keine Lust mehr auf meine Reise hatte, sondern es war die Angst vor dem Unbekannten, die meine Vorfreude schmälerte. Zu Hause, in meiner gewohnten Umgebung, fühlte ich mich sicher und wusste, was ich so ungefähr an Veränderungen zu erwarten hatte (auch wenn das manchmal ein Trugschluss ist). Aber am anderen Ende der Welt wäre ich ganz auf mich alleine gestellt und konnte mich nicht darauf verlassen, Unterstützung zu finden, wenn ich sie brauchte (wobei auch das ein Trugschluss sein kann). Die eigene Komfortzone zu verlassen, sich stellenweise fremd und unsicher zu fühlen, ist nicht immer angenehm, aber ich habe auch festgestellt, wie unglaublich wertvoll diese Erfahrungen für mich waren. Ich durfte mich selbst ein Stück weit besser kennen lernen, musste über meine Grenzen hinauswachsen und gewann dadurch viel an Selbstvertrauen und -bewusstsein dazu. Und ganz nebenbei war meine Zeit am anderen Ende der Welt eine der besten meines Lebens und ich wäre ganz schön doof gewesen, wenn ich sie aus Angst verpasst hätte.

Die Entscheidung, die nun vor mir liegt, ist im Endeffekt nichts anderes, aber diesmal geht es natürlich um wesentlich mehr. Der finanzielle Aufwand und die damit einher gehenden Verpflichtungen entsprechen einer ganz anderen Dimension und das Risiko, das dieses Vorhaben in sich birgt, gehört einer anderen Größenordnung an. Es kann durchaus ein paar Jahre dauern, bis unser Gästehaus Gewinn abwirft, und man nicht mehr um´s nackte Überleben kämpfen muss. Und es kann natürlich auch passieren, dass es trotz aller Bemühungen nicht laufen wird. Es gibt eine Unmenge an unvorhersehbarer Stolpersteine, die unser Traumleben zum Albtraum machen können und wir werden auf unserem Weg mit Sicherheit einige davon kennen lernen.

Um dieses Risiko etwas besser einzuschätzen und um uns bei unserer Entscheidung zu helfen, haben Filipe und ich zwei Unternehmensberater kontaktiert – einen in Deutschland und einen in Portugal. Am Anfang fand ich die Idee von professioneller Unterstützung ein absolutes Muss, aber viel Kopfzerbrechen und viele Gespräche innerhalb der Familie später frage ich mich, ob mir ein Coach wirklich die Antworten geben kann, die ich suche. Beide Berater haben einen sehr seriösen und professionellen Eindruck gemacht und könnten uns sicherlich die einen oder anderen guten Ideen liefern, aber ich hatte bei allen den Eindruck, dass sie ein bisschen über das Ziel hinaus schossen und für unser doch relativ kleines Projekt in viel zu großen Dimensionen dachten – nicht zuletzt auch was ihr überdimensioniertes Honorar betrifft. Letztendlich ist es kein Ding der Unmöglichkeit, einen aussagekräftigen Business- und Finanzplan zu erstellen und für andere Teilbereiche, wie zum Beispiel der Erstellung einer erfolgreichen Marketingstrategie, gibt es wiederum spezialisierte Experten, die uns gezielt helfen können (und unabhängig von einem Coach nötig sind). War die enorme Investition in einen Coach also essentiell und würden die Tipps, die wir von ihm bekommen, den erheblichen finanziellen Aufwand rechtfertigen?

Für unser kleines und wenig kompliziertes Projekt habe ich mir diese Frage immer wieder gestellt – besonders vor dem Hintergrund, dass die eigentliche Arbeit so oder so von uns selbst erledigt würde. Am Ende kam ich zu dem Schluss, dass der Coach in dem Moment nötig war, in dem man Angst hatte, ohne ihn etwas falsch zu machen. Und diese Angst schwingt bei so einem Projekt natürlich durchaus mit – vor allem, wenn man selbst aus einer anderen Branche stammt und sich mit der Materie noch wenig auskennt. Letztendlich kann mir aber kein Berater dieser Welt sagen, – und das haben unsere beiden Herren auch immer wieder betont – ob unser Geschäft ein Erfolg wird, oder nicht. Sie gingen sogar so weit zu behaupten, dass wir alles nach professionellem Standard und nach Plan, also im weitesten Sinne „richtig“ machen können, und trotzdem scheitern. Insofern wäre auch ein Unternehmensberater kein Garant für Erfolg und letzten Endes kam alles auf die elementare Frage zurück: vertraue ich dem Leben, oder folge ich der Angst?

Verunsichert von all den Unsicherheiten, begannen wir damit, Kosten- und Finanzpläne zu erstellen, um einen besseren Überblick über unser künftiges Geschäft und dessen Plausibilität zu bekommen. Wir vernetzten uns im Internet mit anderen Auswanderern, die in Portugal leben, anderen Pferdefreunden der Region und anderen Bed&Breakfast-Besitzern in Portugal und weltweit. In Foren zu diesen Themen bekamen wir jede Menge nützlicher Tipps für jetzt und später, wenn die Umsetzung vor Ort begonnen hat. Wir lernten sogar einen sehr netten Waliser kennen, der nicht allzu weit weg von unserer Wunschheimat seit ein paar Jahren ein kleines B&B führt, und uns einen Einführungskurs im Management eines Gästehauses anbot. Im Internet fanden wir jede Menge weiterer Informationen über Ausflugsziele und Besonderheiten der Region, die wir unseren Gästen künftig zur Verfügung stellen wollten und Filipe und ich begannen bereits damit, Menüvorschläge für das Abendessen zu sammeln, und uns Namen für die Zimmer zu überlegen. Wir beschlossen unser ursprüngliches Konzept von zehn Zimmern zu überarbeiten und etwas kleiner, mit nur sechs Zimmern, zu beginnen. Für uns Neulinge würde das bereits Herausforderung genug sein und in den Wintermonaten wäre ein Ausbau relativ problemlos möglich. Filipe, der als einziger fließend portugiesisch spricht, holte sich Informationen ein zum Steuerwesen, zur Entwicklung des Tourismus in unserer Gegend und zur Gründung unserer Firma. Er ließ ein paar alte Bekanntschaften mit Portugiesen aus seiner Kindheit wieder aufleben und erhielt Empfehlungen über geeignete Steuerberater und Juristen.

Wir schauten uns gemeinsam immer wieder die Fotos von dem Grundstück an, das uns so gut gefiel, sammelten neue Ideen zur Renovierung und der Verschönerung der Außenanlage. Wir zeigten die Fotos vielen Freunden und stellten fest, dass es sich schon ein bisschen wie „unser“ Haus anfühlte. Und plötzlich fiel mir auf, dass ich bereits viel zu tief drin steckte, in diesem neuen Abenteuer, als dass es noch die reale Option eines Rückzugs gab. Irgendwo zwischen all diesen Überlegungen und Kopfzerbrechen war meine Entscheidung längst gefallen, hatte ich meine innere Überzeugung erlangt, dass das genau das war, was ich wollte und ich mich auf unser neues Leben mit all seinen Schwierigkeiten und Herausforderungen freute. Und noch etwas war mir klar geworden: Dass wir für den Anfang keinen Unternehmensberater benötigten. Je mehr ich mich mit unserem Projekt befasste, und je tiefer ich mich dabei vorarbeitete, desto mehr war meine Angst verschwunden und der Überzeugung gewichen, dass wir es schaffen konnten. Wir würden dem folgen, was sich gut und richtig anfühlte, und nicht blind jemandem vertrauen, der es zwar gut mit uns meinte, es am Ende aber auch nicht besser wusste. Dies war unser Projekt, unsere Zukunft, und wir würden unser ganzes Herzblut hinein stecken, um erfolgreich zu werden und unseren Traum zu verwirklichen.

 


 

„Nichts kann dem Willen eines Menschen trotzen,

der sogar seine Existenz auf´s Spiel setzt,

um sein erklärtes Ziel zu erreichen.“

Benjamin Disraeli

Traumjaeger.net: Azulejos

 

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Eine Antwort zu Kopfzerbrechen

  1. Miguel Baumgartner schreibt:

    Very Good! Go and don’t be afraid to be happy!

    Gefällt mir

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