Der Schmerz der Vergangenheit

Es ist ein seltener Augenblick, der sich gerade abspielt. Filipe ist heute Morgen für ein paar Tage nach Portugal gereist, um unser Projekt vom Auswandern und Gästehaus mit Pferden weiter voran zu treiben. Ich bin alleine zu Hause geblieben, denn ich wollte mir von der Arbeit nicht frei nehmen. Nachdem ich ihn am Flughafen abgesetzt und gefrühstückt hatte, ging ich zu unserem Pferd und fand mich nachmittags im Wohnzimmer wieder – alleine und mit jeder Menge Zeit. Normalerweise bin ich ständig auf Achse und komme nur selten zur Ruhe. Dieses Wochenende hatte ich mir jedoch frei gehalten, denn ich habe mich von der Arbeit aus für eine Prüfung angemeldet und wollte die Zeit zum Lernen nutzen. Doch als ich so auf meinem Sofa saß, das Vogelgezwitscher zur Balkontür herein drang und die ersten sommerlichen Temperaturen des Jahres eine angenehme Schwere in die Luft legten, beschlich mich akute Unlust, meine Zeit mit Dingen zu verbringen, auf die ich eigentlich überhaupt keine Lust hatte. Ich wundere mich eh noch, wie es mir schon wieder passieren konnte, dass ich mich zu etwas angemeldet habe, was gar keinen tieferen Sinn für mein Leben hat. Logisch und vernünftig betrachtet wäre es natürlich gut, diese Prüfung zu bestehen – frei nach dem Motto „was man hat, das hat man“. Doch wirklichen Sinn, den sehe ich darin nicht. Diese Prüfung zu bestehen wird mich nicht stolz machen. Ich werde mir ein weiteres Aushängeschild damit verdienen, das mir im Grunde genommen nichts bedeutet. Ich werde mich damit nicht identifizieren können, es wird mich auf meinem weiteren Lebensweg nicht vorwärts bringen. Die einzige sinnvolle Begründung, die dafür spricht, diese Prüfung zu bestehen, liegt darin, einen Plan B zu haben, falls Gästehaus und Pferde in Portugal nicht gut laufen sollten. Und somit ist diese Prüfung mal wieder ein Meilenstein auf dem Weg der Angst, dem ich doch eigentlich den Rücken zu kehren wollte. Diese Angst schleicht sich einfach wieder und wieder ungefragt in mein Leben, versteckt sich hinter scheinbar vernünftigen Entscheidungen, und ich bin immer noch zu naiv, um es sofort zu bemerken. Egal, ob es um die Frage geht, ob wir wirklich auswandern wollen, ob wir einen sündhaft teuren Unternehmensberater brauchen, oder wie jetzt – ob diese Prüfung mehr in der Tasche mein Überleben sichern wird – überall schwingt sie mit, und will mich von ihrem Weg der vermeintlichen Sicherheiten überzeugen. Ich frage mich, ob es anderen Menschen auch so geht, oder ob nur ich so auf diesen Weg der Angst getrimmt bin.

Wo bleibt die Begeisterung für den Herzensweg? Warum denke ich über jeden Schritt, der mich näher zu mir selbst und damit zu einem glücklichen, selbstbestimmten Leben bringt, tausendfach nach und frage mich bis ins Endlose, ob ich mir das auch wirklich erlauben kann – und gehe dagegen mit einer unerschütterlichen Gewissheit davon aus, dass es das Richtige ist, sich Sachen aufzubürden, die keinen Spaß machen, aber vermeintliche Sicherheiten bieten? Warum widerspricht mir niemand, wenn ich Leuten erzähle, dass ich mich für diese Prüfung angemeldet habe, weil es unserem Auswander-Projekt in schlechten Zeiten helfen könnte? Warum durchschaut keiner diese Lüge und sagt mir, dass es eine blöde Idee ist etwas zu tun, wofür das Herz nicht schlägt? Warum fragt mich keiner, warum ich diese Zeit und dieses Geld nicht lieber in etwas investiere, was mich auf meinem Herzensweg und dessen Erfolg unterstützt?

Vielleicht liegt es daran, dass ich es im Laufe der Jahre geschafft habe, mich selbst so überzeugend zu belügen, dass auch die anderen die Täuschung nicht bemerken. Oder aber, dass wir alle Meister der Täuschung sind und gar nicht mehr unterscheiden können, was echt und was „vernünftig“ ist. Vielleicht haben die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, alle eine Stimme im Ohr wie ich, die ihnen vor Entscheidungen im Tonfall der strengen Mutter (wobei meine Mutter in Wirklichkeit gar nicht streng ist) sagt: „Kind, sei doch vernünftig! Das Leben besteht nicht nur aus Spaß!“ Irgendwann in jungen Jahren scheine ich diesen Satz derart verinnerlicht zu haben, dass ich heute vor jeder anstehenden Entscheidung den Weg wähle, der zur „Vernunft“ und nicht zum Spaß führt. Zumindest nicht zu zu viel Spaß. Denn der scheint ja laut Mutti nicht gut zu sein.

Heute jedoch habe ich mich für meinen Spaß entschieden. Ich habe mir auf meinem Sofa ein kleines Büchlein geschnappt, das schon eine ganze Weile sehnsüchtig auf einen neuen Leser wartete, und es in einem Zug durchgelesen – unterbrochen nur von einem kleinen Nickerchen und einem kurzen Telefonat mit Filipe, der gut in Portugal angekommen ist. Jetzt starren mich meine Lernunterlagen wieder bedeutungsschwer an, und ich wäge ab, ob ich es mir erlauben kann, das Ganze auf morgen zu verschieben. Immerhin habe ich den Stoff schon längst durchgearbeitet – nur jetzt, in der Wiederholungs- und Festigungsphase, ist mir der Treibstoff ausgegangen. Ich fühle mich in meine Studienzeit zurückversetzt, in der man die Tage oft nur mit Lernen verbracht hatte und sich unter der Last des Prüfungsdrucks am liebsten in einen Rohdiamanten verwandelt hätte. Doch dann fällt mir zum Glück wieder ein,  dass das alles längst hinter mir liegt und ich mein Soll bereits erfüllt habe.

Wahrscheinlich fühle ich mich in meinem Beruf immer so fehl am Platz, weil ich ihn mir nie ausgesucht habe. Ich wollte immer nur schreiben und reiten. Da beides wenig lukrativ erscheint, haben meine Eltern etwas anderes für mich ausgesucht. Nicht ganz ab vom Schuss, aber ungefähr so, wie wenn jemand, der Rennfahrer werden möchte, zum Automechaniker wird. Es geht in dieselbe Richtung, aber in der Autowerkstatt wird er so schnell kein Rennauto fahren. Ich hatte große Träume, kannte alle großen Reitmeister und deren Werke beim Namen, und träumte von einem Praktikum bei einem der noch lebenden Exemplare von ihnen. Obwohl ich nur ein sehr altes Pferd hatte, dem ich so etwas nicht mehr hätte zumuten können. Ich sparte mein Taschengeld und als mein favorisierter Reitmeister mal wieder nach Deutschland kam, saß ich vier Tage lang für viel Geld auf der Zuschauertribüne und schrieb jedes Wort mit, das er sagte. Ich schaute mir auch andere Trainer an und las ihre Bücher – dass ich vieles davon gar nicht verstand, war egal. Ich wünschte mir so sehr dieser Leidenschaft folgen zu können und selbst eine Pferdetrainerin zu werden, doch fehlte es mir sowohl an Talent und Unterstützung, als auch am Selbstvertrauen. Ich hatte ein liebes, altes Pferd, aber ich war keine außerordentlich gute Reiterin und hatte auch keine Reitlehrerin, die mich gefördert hätte. Schließlich beugte ich mich dem Willen meiner Eltern und studierte. Das Studentenleben war schön und aufregend, und ich fand in der neuen Stadt auch gleich eine tolle Reitmöglichkeit. In den Ferien besuchte ich weiter Reitkurse und in den Vorlesungen las ich heimlich Bücher über Pferde-Training. Nur in den Prüfungsphasen, wenn ich gezwungen war mich voll und ganz auf einen Stoff zu konzentrieren, der zwar nicht uninteressant war, aber auch nicht dem entsprach, was mich wirklich interessierte, kam der Schmerz und Frust über den falschen Lebensweg hoch und ich verfluchte dieses Studium. In dieser Zeit begann ich zu sagen, dass ich nach dem Studium das verpasste Praktikum bei dem Reitmeister nachholen würde, koste es was es wolle. Ich verkündete jedem, der es hören wollte oder nicht, dass meine erste „Amtshandlung“ nach dem Studium sei, dass ich mir ein eigenes Pferd kaufen würde und dann alles nachholte, was ich in der Zwischenzeit verpasst hatte. Meine Eltern hatten schließlich immer auf eine Ausbildung als Lebensbasis gepocht und mir frei gestellt, danach den Weg zu gehen, den ich wollte.

Die Zeit verging, das Leben als Student mit seinen verrückten Prüfungsphasen wurde normal, der Schmerz um verlorene Zeit und Chancen zu einem schwachen, dumpfen Dauerbrenner, der irgendwann ein ganz normaler Bestandteil des Alltags war. Das Ende des Studiums kam, die neu gewonnene Freiheit mit ihm. Und irgendwie schaffte ich den Absprung nicht richtig. Ich sprang und hing in der Luft, und hab am Ende doch wieder die Reißleine gezogen – zurück in das altbekannte Leben und den altbekannten Schmerz, ein Leben wie unter alten Freunden. Die Liebe kam in mein Leben, Routine kam in mein Leben, schließlich sogar das eigene Pferd, von dem ich geträumt hatte, aber ich konnte keinen Frieden machen mit meinem Beruf. Nicht weil er schlecht war, sondern weil er nicht das war, was mich erfüllte. Ich lebte das Leben eines anderen. Am Anfang hatte ich Angst Fehler zu machen, was meine inneren Schwierigkeiten erklärt hätte. Mit der Sicherheit der Routine wurde der Beruf leichter, aber der Schmerz wurde immer größer, die Verzweiflung wuchs stetig, die Sinnlosigkeit in meinem Tun nahm Überhand. Ich spürte mit jeder Faser meines Körpers, dass ich dieses Leben nicht wollte, aber wusste doch nicht, wie ich ausbrechen und zu dem werden konnte, der ich sein wollte. Und das Schlimmste war, dass ich in meinem Beruf gut war und von meinem Chef geschätzt wurde. Jeder Erfolg in meinem Beruf stürzte mich tiefer in diese Identitätskrise. Ich konnte mich nicht mit anderen Kollegen identifizieren, konnte nicht verstehen, warum sie diesen Weg gingen (und dabei vielleicht auch noch Glück empfanden), und noch weniger warum ich ihn selber ging.

Irgendwann lernte ich durch Zufall andere Denkweisen über das Leben kennen, als die, die ich bisher kannte. Ich hörte Sätze wie „du bist der Schöpfer deines eigenen Lebens“ und „erwache aus deinem Opfer-Dasein und erschaffe dir dein Leben so, wie du es dir wünschst“. Gedanken, die mir völlig fremd waren, und mir zu Beginn auch übertrieben und reißerisch vorkamen. Aber sie verfehlten nicht ihre Wirkung und ich begann mich und mein selbst gebautes Gefängnis zu hinterfragen. Ich überwand meine Angst und begann meinen Blog zu schreiben und mich wieder mit Pferde-Training zu befassen. Ich studierte endlose Stunden lang Videos über Natural Horsemanship und besuchte mit meinem Pferd regelmäßig Reitkurse. So fand ich bald eine Trainerin, die mich überzeugte und inspirierte. Bei meinem ersten Kurs mit ihr faszinierte mich am meisten zu sehen, was man seinem Pferd alles beibringen kann. Welche Details in der Kommunikation möglich sind und dass das alles auch gar nicht so schwer ist – man muss sich nur einmal für diese Möglichkeiten öffnen, und der Rest ist eine Frage der Übung. Ähnlich erging es mir mit dem Leben selbst. Sobald ich erkannt hatte, dass das Leben keine Qual per se sein muss, und ich selbst die Veränderungen nur zu lassen musste, wurde alles viel leichter. Das ging nicht ohne weitere kleine Krisen von statten, aber ich war auf dem Weg und jeder kleine Schritt brachte mich ein Stückchen näher zum erfüllten Dasein. Heute habe ich weitestgehend Frieden mit meinem Beruf gemacht und kann das Wissen und Können, das ich im Laufe der Jahre gesammelt habe, als etwas Positives und Nützliches ansehen. Aber ich habe mich auch entschieden, dass dieser Weg langsam in den Hintergrund geraten oder gar ganz zu Ende gehen muss. Ich habe erkannt, dass im Leben einfach keine Notwendigkeit besteht, sich selbst zu quälen. Unsere Zeit ist begrenzt und jede Minute, die wir mit etwas zubringen, das unser Herz nicht zum Strahlen bringt, ist verloren für die Ewigkeit.

Wenn wir uns einmal entschieden haben den Weg in unsere Erfüllung zu gehen, dürfen wir alles in unserem Leben hinterfragen und überprüfen, ob es für uns wirklich stimmig ist. Im Falle meiner bevorstehenden Prüfung muss ich zugeben, dass ich hier mal wieder in mein altes Muster gefallen bin und der Angst-Stimme mehr vertraut habe, als meinem Herzensweg. Es ist aber auch nicht meine Art so kurz vorher zu kneifen, besonders nicht, wenn ich viel Geld dafür bezahlt habe. Insofern werde ich mir diesen letzten Fehltritt noch einmal erlauben und dafür einfach mit einer entspannteren Einstellung an die Sache heran gehen. Es ist schließlich nur eine weitere Prüfung auf diesem altbekannten Weg der Prüfungen und Sicherheiten, deren Bestehen nicht mehr oder weniger zu meinem Überleben beitragen wird. Meinen Fokus möchte ich dagegen in Zukunft auf die Dinge lenken, bei denen mein Verstand sofort Alarm schlägt. „Authentisch“ und „erfüllend“ sind das neue „brav“ und „angepasst“. Der Weg ist leicht zu finden, er geht immer der Angst nach. In der Überwindung unserer größten Ängste liegt unsere Erfüllung.

 


 

„Jeder durch negative Gedanken verschwendete Moment,

ist verloren für große Ideen.“

Greta Schnee

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Eine Antwort zu Der Schmerz der Vergangenheit

  1. mbaumgartner1 schreibt:

    In one word …. Courage …. Filipe is very proud of you for sure.

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