Nächster Halt: Traumhaus

Seit ungefähr drei Jahren geistert der Gedanke vom Auswandern in Filipes und meinem Kopf herum. Am Anfang noch ganz zart und unschuldig, und mit der Zeit immer stärker und selbstbewusster werdend. So sehr, dass es irgendwann keinen Weg mehr dran vorbei gab. Als die Entscheidung schließlich gefallen war und wir von Schweden mal eben zum Kontrastprogramm Portugal umgeschwenkt hatten, standen wir vor einer scheinbar endlosen Mauer an Fragen und ungeklärten Dingen, die es zu bewältigen gab, bevor unsere Auswanderung Wirklichkeit werden konnte. Tatsächlich war es jedoch gar nicht so schwer. Wir haben einfach jeden Tag einen Fuß vor den anderen gesetzt, haben beharrlich die Liste abgearbeitet, Informationen eingeholt, Sachen organisiert. Und irgendwann war klar: Jetzt oder nie.

Zugegeben, in den Wochen der Projektvorbereitung und Businessplanerstellung hatte ich einige Phasen, in denen ich mich immer wieder fragte, ob unser Vorhaben nicht etwas zu groß für uns ist. Ich wurde schonungslos mit meinen Ängsten konfrontiert und manchmal sah ich mich schon als gescheiterte Existenz unter einer Brücke schlafend. Aber wir machten trotzdem weiter. Denn letztendlich bedeutet Mut nicht, frei von Ängsten zu sein, sondern etwas trotz der Angst zu tun. Und tatsächlich begannen die Zweifel mit der Zeit ihre Farbe zu verlieren und auszubleichen. Bis nur noch ein vager Schatten von ihnen zurück blieb, der mich daran erinnert, jeden Tag mein bestes zu geben. Schließlich ist das Gefühl der Angst etwas sehr Nützliches, denn es zeigt uns Gefahren auf und spornt uns an, über uns hinaus zu wachsen. Nur wenn wir zulassen, dass es uns lähmt und von unseren Träumen abhält, haben wir ein Problem.

Die für mich wirksamste Methode im Umgang mit der Angst bestand darin, sie erst einmal anzuerkennen. Allzu oft versuchen wir unerwünschte Gefühle weg zu drücken und aus unserem Bewusstsein zu drängen. Doch so leicht lässt sich die Angst nicht abschütteln und kehrt dann meist übergroß zu uns zurück. Stattdessen bemühte ich mich, einfach nur wahr zu nehmen, wenn sie in mir hochkam und sie dabei von außen zu betrachten. Mir wurde klar, dass die Angst ein natürlicher Begleiter von großen Veränderungen ist, aber dass ich nicht selbst diese Angst bin. Ich dankte der Angst dafür, dass sie mich begleitet und sich um meine Sicherheit sorgt und plötzlich schrumpfte sie immer mehr in sich zusammen und verlor ihren Schrecken. Dieses Szenario durchlief ich immer wieder, bis ich irgendwann erstaunt feststellte, dass ich keine Angst mehr in Bezug auf unser Projekt hatte. Ich weiß, es werden Dinge schieflaufen. Ich weiß, es werden Engpässe auf uns zu kommen. Ich weiß, wir werden vor Herausforderungen stehen, von denen wir im ersten Moment keine Ahnung haben, wie wir sie überwinden sollen. Und natürlich werden in diesen Momenten Ängste in mir hochkommen. Aber das ist gut, denn diese Angst wird mir kräftig in den Hintern treten und mich dazu anspornen Lösungen für alle Probleme zu finden. Wir werden wieder einen Fuß vor den anderen setzen, Dinge ausprobieren, wenn nötig den Plan ändern. Ich bin überzeugt davon, dass es für jedes Problem Lösungen gibt, und oft auch jede Menge. Man darf seinen Ängsten nur nicht erlauben, übergroß zu werden, denn dann behindern sie die klare Sicht auf alle Auswege. Der Schlüssel liegt darin, den altbekannten kühlen Kopf zu bewahren und darauf zu vertrauen, dass sich eine gute Lösung finden lässt. Und mit dieser Energie dann die grauen Gehirnzellen in Bewegung zu setzen.

Vor kurzem setzten Philipe und ich dann den Grundstein für unseren Traum vom Gästehaus mit Pferden in Portugal: Wir kauften unser Traumhaus. Im Vorfeld gab es einiges zu erledigen, denn so ein Hauskauf läuft in Portugal ganz anders ab, als in Deutschland. Da unser Zeitplan vor Ort äußerst straff war und bei früheren Besuchen irgendwie unter ging, dass wir zum Erwerb ein portugiesisches Bankkonto benötigten, düsten Filipe und ich eines schönen Tages mal eben 400km nach Berlin und wieder zurück, um dort bei einem Ableger der Portugiesischen Sparkasse ein Konto zu eröffnen. Wenige Wochen später zurück in Portugal begann dann der eigentliche Spießrutenlauf: Die Herausforderung hieß: An einem Tag eine Firma anmelden und ein Haus kaufen. Unser Tag begann früh mit einem kurzen Frühstück im Hotel, danach schossen wir wie Raketen zwischen drei Städten hin und her. Filipe vergaß vorübergehend alle Geschwindigkeitsbeschränkungen und da mir beim Autofahren eh immer schnell schlecht wird, bedauerte ich sehr, dass das Beamen immer noch nicht erfunden wurde. Auf diversen Ämtern beobachteten wir ungeduldig, wie der Zeiger der Uhr unaufhaltsam vorrückte, während der Beamte mit einer äußerst ausgefeilten 2-Finger-Technik seelenruhig Sachen in den Computer tippte. Es ist nun leider so, dass die Portugiesen Papier lieben. Und irgendwann tat mir schon fast die Hand weh, von den vielen Unterschriften und Kürzeln, die auf jeder Seite mindestens einmal zu finden sein müssen. Als die Firma schließlich registriert war, trafen wir unsere Immobilienmakler und die Verkäuferin des Hauses in einem Café, bevor es zum Notar ging. Zwischenzeitlich hatten wir alle Zahlungsmittel und Nachweise organisiert, die wir benötigten, um den Kauf erfolgreich abwickeln zu können. Ziemlich erledigt trafen wir im Café ein und gönnten uns ein kleines Bier vor dem großen Moment. Unser Immobilienmakler bedeutete Filipe immer wieder sich zu entspannen, und sich nicht zu stressen. Doch Filipe verkündete, dass er nicht gestresst sei, sondern die Dinge einfach nur sehr schnell erledigte. Am Ende wurde er damit aufgezogen, bereits deutscher zu sein als ich und wir lachten alle.

Beim Notar hieß es dann wieder warten, Papiere sammeln, Dokumente besprechen. Als er den Kaufvertrag in wunderschönem, monotonen portugiesischem Singsang vorlas, wäre ich um ein Haar eingeschlafen, so anstrengend war der Tag bereits gewesen. Doch dann ging es an´s Eingemachte. Er erklärte mir alles noch einmal auf Englisch, beantwortete Fragen, und dann galt es die wohl wichtigste Unterschrift des Tages zu setzen. Zahlungsmittel wurden ausgetauscht, Glückwünsche verteilt und dann war es geschafft. Das Haus gehörte uns!! Filipe und ich flitzten noch schnell rüber zum Versicherungsbüro auf der anderen Straßenseite, wo der nette Versicherungsangestellte freundlicherweise seinen Feierabend etwas nach hinten verlegte, um das neu erworbene Haus auch sofort zu versichern. Sonst könnte mein deutsches Herz in Zukunft nicht gut schlafen! Danach hieß es noch den letzten Termin des Tages zu bewältigen, wobei ich wirklich beeindruckt war, wie Filipe die Leute dazu brachte, für uns an einem Freitagabend freiwillig Überstunden zu machen. Um halb 8 abends war das Werk dann schließlich vollbracht: Wir hatten erfolgreich unser Traumhaus gekauft und unsere Firma gegründet, mit der wir in Kürze auf die Überholspur abbiegen wollen. Aber zunächst hieß es erst einmal feiern!

Wir stießen mit unserem Immobilienmakler an, der uns nach getaner Arbeit schließlich das „Du“ anbot und der sicherlich ein sehr guter Freund werden wird. Später gingen Filipe und ich in ein einfaches, aber unglaublich leckeres Grillrestaurant und genossen brasilianisches Picanha und Filet mignon. Dazu Salat, Kartoffelecken und Migas aus dem Alentejo. Abgerundet wurde das Ganze von einer Flasche Vinho Verde aus dem Norden Portugals. Am Ende des Tages fielen Filipe und ich todmüde, aber glücklich ins Bett und träumten von unserer aufregenden Zukunft in Portugal.

 


 

„If your dreams don´t scare you,

they are not big enough.”

Ellen Johnson Sirleaf

Traumjaeger.net: Waterworld

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Eine Antwort zu Nächster Halt: Traumhaus

  1. athenmosaik schreibt:

    Wow schön! Einfach machen!! Mich hat es so nach Athen geweht. Und ich genieße es, auch wenn es sicher nicht immer leicht ist.

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