Stolpersteine

Fast hätte ich diesen Artikel „Aller Anfang ist schwer“ getauft. Doch das erschien mir dann doch zu negativ. Denn gut geht es uns in unserem neuen Leben allemal und es ist wunderbar endlich hier zu sein. Aber es hat ja keiner gesagt, dass es einfach wird. Und ganz easy und leicht ist seit unserer Abreise tatsächlich nicht alles gewesen.

Der erste Stolperstein befand sich sogar gleich am zweiten Tag unserer Reise. Filipe und ich waren am Aufbruchstag erst nachmittags los gekommen, da der Pferdetransporter, der unser Pferd abgeholt hat, einige Verspätung hatte. Top motiviert setzten wir uns also hinter´s Steuer und fuhren bis spät in die Nacht hinein. Wir wollten so schnell wie möglich in Portugal ankommen und unterwegs keine Zeit verlieren. Als Filipe nach Mitternacht müde war, fuhr ich noch eine Weile weiter, dann stellten wir unseren Wagen an einer Autobahnraststätte zwischen die geparkten LKWs und machten für ein paar Stunden die Augen zu. Die hin und wieder herumsuchenden Scheinwerfer anderer Fahrzeuge und die schwarzen Schatten, die auf dem Parkplatz umher huschten, erschienen wenig vertrauenserweckend, aber nachdem ich mich versichert hatte, dass das Auto von innen verriegelt war, faltete ich mich zwischen Lenkrad und Autositz zusammen und konnte tatsächlich etwas schlafen. Morgens um halb sieben waren wir ausreichend erfrischt und setzten unsere Fahrt fort.

Etwa auf der Hälfte der Strecke bekamen wir einen Anruf, dass unser anderes Auto, das, mit unserem mit Möbeln beladenen Pferdeanhänger, bereits einen Tag vor uns gestartet war, am Vorabend in Frankreich schlapp gemacht hätte. Wir waren zufällig nicht weit von dem Ort entfernt und fuhren direkt hin. Gemeinsam klapperten wir sämtliche Werkstätten der Umgebung ab, und kratzten unsere letzten, stark eingerosteten Brocken Französisch zusammen, aber nirgends hatte man Zeit und die nötigen Fähigkeiten, das Auto zeitnah zu reparieren. Schließlich riefen wir den ADAC zu Hilfe und dann machten Filipe und ich uns auch schon wieder auf den Weg, damit wir rechtzeitig zur Ankunft unseres Pferdes in Portugal vor Ort sein konnten.

Wir fuhren den ganzen Tag und machten wenig Pausen. Zwischendrin bekamen wir immer wieder Updates, wie es mit unserem anderen Auto und dem Pferdehänger weiter gehen würde. Nach einigem hin und her war schließlich die Lösung gefunden. Beziehungsweise ein Versuch. Der ADAC stellte uns ein Zugfahrzeug für den Pferdehänger zur Verfügung und unser Auto war ohne das zusätzliche Gewicht eventuell in der Lage bis nach Portugal zu kommen. Die Hydraulik der Kupplung war defekt, aber durch Pumpen der Kupplung konnte das Auto wohl halbwegs gefahren werden. Kein bedenkenloses Unterfangen, denn immerhin galt es noch circa 1000 km Strecke mit halb kaputtem Auto zu überwinden und die Pyrenäen wollten auch noch überquert werden. Aber einen Versuch war es wert.

Am Abend erreichten Filipe und ich schließlich unser Ziel. Wir fühlten uns ein bisschen wie bei „In 80 Tagen um die Welt“, als wir uns daran erinnerten, dass die Zeit in Portugal im Vergleich zu Deutschland, Frankreich und Spanien, um eine Stunde zurückgestellt wird, und es somit noch nicht zu spät war, um nach unserer Ankunft noch etwas Essbares aufzutreiben. Aus dem geplanten Restaurantbesuch wurde dann aber doch nichts, denn Vitor und Lourdes, die liebenswerten Freunde, die wir in unserer künftigen Heimat bereits gefunden haben, luden uns spontan zu sich ein, als sie hörten, dass wir bald da seien. Wir genossen den Abend in der Küche des netten Paares und wurden mit bester portugiesischer Hausmannskost verwöhnt. Ziemlich erschöpft erreichten wir schließlich unsere Quinta (Portugiesisch für Bauernhof) und ich atmete zum ersten Mal diese wunderbar anschmiegsame, samtweiche und leicht melancholische Luft von Süden und Pinien in dem Bewusstsein ein, dass dieser Geruch nun der Duft meines neuen zu Hauses sei.

Die nächsten Tage vergingen abermals wie im Flug, denn ein Termin folgte dem anderen. Teilweise fühlte ich mich wieder an einen Spießroutenlauf erinnert und hätte zwischendurch gerne mal auf die Pausen-Taste gedrückt. Aber es gab so viel zu organisieren. Unser geliebtes Pferd kam zu unserer großen Freude wohlbehalten an und wurde noch dazu in höchsten Tönen gelobt, da es sich auf der Reise so gut benommen hatte. Es hatte etwas abgenommen und war sichtlich erschöpft von der langen Fahrt, aber alles in allem war ich doch überrascht, in welch gutem Zustand es sich bei seiner Ankunft befand.

Mit zwei Tagen Verspätung erreichte uns schließlich unser zweites Auto und auch unser Pferdehänger traf mit dem Leihauto bei uns ein. Unser Auto fuhr direkt zum örtlichen Automechaniker und genießt dort seitdem die beste Autopflege der Stadt. Wir hoffen auf baldige Genesung.

Und auch unsere Möbel und Umzugskisten, die mit einer Spedition geliefert wurden, fanden den Weg zu uns. Wir verbrachten davor einige Zeit damit, über unser Gelände und durch die Stadt zu fahren, um den zugänglichsten Weg für den LKW heraus zu suchen. Am Ende ging alles glatt und zu besagter Stunde war alles zum Entladen organisiert. Der LKW parkte frech auf der Straße, aber daran störte sich keiner. Unser Handwerker des Vertrauens brachte seinen Traktor mit und entlud die fast zwei Meter hohen Paletten gekonnt und fuhr sie die ganze Strecke von circa zweihundert Metern bis zu unserer Scheune. Stellenweise war die Angelegenheit ganz schön knapp und wackelig, aber die Männer behielten die Nerven und am Ende war alles verstaut. Ich war froh, dass ich nicht gleich alles auspacken musste, denn die große Einrichterei muss noch bis nach den Renovierungsarbeiten warten. So gönne ich mir jetzt den Luxus, jeden Tag zwei oder drei Kisten zu leeren, deren Dinge bereits einen Platz finden dürfen und später den Handwerkern nicht im Weg rumstehen.

Die ersten Schritte waren getan und es schien, als könnte nun so etwas wie eine erste Normalität in unserem neuem Leben einkehren. Abends wurden wir von dem Besitzer des Reitstalles, in dem unser Pferd vorübergehend untergebracht war, spontan zur Taufe seiner kleinen Tochter eingeladen. Es war ein wunderschönes Fest im Grünen, wo alle auf wild durcheinander gewürfelten Stühlen und Bänken im Freien unter dem Sternenhimmel saßen und bunte Girlanden die romantische Szene schmückten. Die Kinder galoppierten auf ihren Steckenpferden zwischen den erwachsenen Gästen herum und riesige Tische waren voll beladen mit portugiesischen Köstlichkeiten. Im Inneren eines Gästehäuschens befand sich emsiges Treiben, denn hier war provisorisch die Küche für das Fest untergebracht und ältere Damen brachten immer neue Schüsseln und Platten mit Essen heraus. Wir verbrachten einen sehr schönen Abend und die Portugiesen bewiesen einmal wieder, dass sie Meister der Gastfreundschaft sind.

An jenem Abend erzählte uns der nette Reitstallbesitzer auch, dass sie am Nachmittag Ziegen im Stall bekommen hätten, die leider voller Flöhe seien. Er ermahnte uns, unsere Klamotten gut auszuklopfen und sie, sowie uns, zu Hause sofort zu waschen. Eine Warnung, die Filipe und ich irgendwie nicht ernst genug nahmen und nur halbherzig befolgten. Wenige Tage später sollte sich das rächen. Nach einer fast schlaflosen Nacht, in der ich nicht müde wurde, immer neue Körperstellen zu kratzen, fand ich mich schließlich außer Stande die Anzahl meiner Flohbisse noch zu zählen. Das andauernde Jucken und vor allem die Unsicherheit, ob noch ein Floh auf mir saß, oder es „nur“ die alten Bisse waren, die mich quälten, wirkten sich nicht gerade positiv auf das noch zarte  Gefühl des Ankommens in der neuen Heimat aus. Filipe verbrachte ein paar Tage mit einer äußerst schlecht gelaunten und hysterisch-flohophoben Greta, in denen er sich jedoch rührend um mich kümmerte und nicht müde wurde, Bettzeug und Klamotten immer wieder zu waschen. Er hatte nämlich Glück und blieb von den Biestern halbwegs verschont. Es scheint nämlich so, als bevorzugten Flöhe die zartere Haut von Frauen und Kindern. Der Reitstallbesitzer entschuldigte sich gefühlte tausend Mal und versicherte uns, dass dieser Zwischenfall auch für ihn und seine Familie einmalig sei und sie so etwas vorher noch nie erlebt hätten.

Am Wochenende fuhren Filipe und ein ziemlich geknicktes ich zu Filipes Eltern, um ihnen einen Besuch abzustatten. Ich fühlte mich kraftlos und war die vergangenen Tage eher ein Schatten meiner selbst gewesen. Der Umzug war natürlich anstrengend gewesen, aber die Geschichte mit den Flöhen hatte mir ordentlich zugesetzt. Obwohl mir Portugal sehr gut gefiel und ich unser Haus und Grundstück bereits vollkommen ins Herz geschlossen hatte, hatte ich dennoch das Gefühl, nicht ganz ich selbst zu sein. Meine innere Mitte war etwas aus der Balance geraten und mir fehlten ein paar tägliche Routinen, die dem Tagesablauf sein äußeres Gerüst geben. An dem Punkt, an dem ich mich in meinem neuen Leben ein Stück weit selbst neu erfinden musste, hatte mir die Floh-Geschichte dazwischen gefunkt und mir meine Stabilität entrissen. Aber das sollte sich an diesem Wochenende endlich ändern.

Ich schlief im Auto fast die ganze Strecke bis nach Cascais und als wir bei Filipes Eltern ankamen, wurden wir auf Händen getragen. Ich bekam spezielle Salben gegen Flohbisse, die den Juckreiz endlich stillten und wir wurden mit Bergen von Selbstgekochtem verwöhnt. Wir schlenderten durch die Gassen der Stadt und entlang des Yachthafens und genossen die Schönheit des Ortes. Abends saßen wir nach dem Essen mit der Familie zusammen und unterhielten uns lange. Die Zeit verging schnell und bald hieß es wieder Abschied nehmen. Und obwohl es wirklich nur ein kurzer Besuch gewesen war, hatte er doch meine Batterien komplett aufgeladen. Ich fühlte mich endlich wieder wie ich selbst und mein kleiner Durchhänger war über Nacht wie von Zauberhand überstanden. Doch so schön Cascais auch war und ich genoss es immer, an diesem wunderschönen Ort zu sein – als Filipe und ich schließlich im Auto saßen, freute ich mich trotzdem auf unsere neue Heimat. Ich freute mich auf die Herausforderungen, die noch vor uns liegen, darauf, zu sehen, wie sich das Potential unserer Quinta langsam entfaltet und Schritt für Schritt unsere Träume Wirklichkeit werden. Dass das einfach wird, hat ja keiner gesagt…

 


 

„Hindernisse und Schwierigkeiten sind Stufen,

auf denen wir in die Höhen steigen.“

Friedrich Nietzsche

 

Traumjaeger.net: Cascais Brücke

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Eine Antwort zu Stolpersteine

  1. athenmosaik schreibt:

    Es klingt wunderbar was ihr erlebt und ich bin mir sicher, dass ihr auf die „Stolpersteine“ später schmunzelnd zurück blickt. Ich bin sehr gespannt, wie es weitergeht. Gruß aus Athen

    Gefällt 1 Person

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