Golegã – Das Fest der Pferde

Als uns ein portugiesischer Freund vor einiger Zeit fragte, ob wir mit ihm auf die Pferdemesse nach Golegã kommen wollten, sagten wir sofort zu. Wir hatten schon einiges davon gehört, denn tatsächlich ist Golegã nicht irgendeine Pferdemesse, sondern DAS Event des Jahres – und das nicht nur für Pferdeliebhaber. Und egal mit wem man spricht, jeder bekommt glänzende Augen bei dem magischen Wort Golegã – und jeder versicherte uns, dass wir es dort lieben würden. Zugegeben, ich fand das alles etwas übertrieben. Ein Fest der Pferde, schön und gut, aber war dieser leicht entrückte Gesichtsausdruck bei dem schlichten Gedanken daran wirklich nötig? Tja, ich hatte ja keine Ahnung…

Wir erreichten die Stadt am Abend, als das Fest bereits seit Tagen in vollem Gang war. Unser Freund hatte ein Zimmer für uns direkt in der Altstadt, nur wenige Gehminuten vom Festplatz entfernt, reserviert. Da wir unser Auto etwas weiter außerhalb parken mussten, hievten wir unser Gepäck durch die Gassen, bis wir schließlich vor dem grünen schmiedeeisernen Tor des Privathauses standen, in dem wir die nächsten beiden Nächte verbringen würden. Das Event ging über zwei ganze Wochen des Jahres, aber wir waren froh, wenigsten diese wenigen Tage zur Verfügung zu haben, um in das Mysterium Golegã hinein schnuppern zu können.

Das erste, was uns bei unserem Gang durch die belebten Gassen auffiel, war die Menge an Pferdemist, die überall herum lag. Und dann sahen wir bereits die ersten Reiter, die festlich geschmückt in der portugiesischen Tracht, stolz auf ihren Pferden durch die Menschenmenge ritten. An unserer Unterkunft angekommen, hieß es dann aber zunächst einmal warten. Denn die Herrin des Hauses, Dona Lizete, war eine Dame von über 80 Jahren, die – auf einen Stock gestützt – ganze 18 Zimmer und 66 Pferdestellplätze verwaltete. Als wir schließlich an der Reihe waren und hinein gelassen wurden, eröffnete sich jenseits des Tores eine ganz eigene, unerwartete Welt: Ein wunderschöner, arabisch anmutender Innenhof mit der im Alentejo so typischen gelb-weißen Färbung und mit vielen Blumentöpfen und portugiesischen Azulejos an den Wänden, die ländliche Szenen mit Pferden zeigten. Ein kleiner Balkon, an dessen Hauswand sich eine violette Bougainvillea hinauf rankte, sowie mehrere kleinere grüne Tore, hinter denen man Pferdeschnauben und Stampfen der Hufe ausmachen konnte. Dona Lizete führte uns in ihr Privathaus, wo sie uns unser Zimmer zeigte, das entlang des dunklen Flures lag, der im Sommer Schatten vor der Hitze im Freien spendete. Das Zimmer war klein und mit nur einem kleinen Schiebefenster zum angrenzenden Raum, durch das man den Fernseher laufen hörte. Das Bad befand sich ein Zimmer weiter am Gang und es gab an keiner Türe ein Schloss. Aber wer sollte hier schon etwas klauen wollen. Wir zogen uns warme Klamotten über und brachen auf in die Nacht.

Am Festplatz angekommen, kamen Filipe und ich nicht mehr aus dem Staunen heraus. In der Mitte befand sich ein riesiger Reitplatz, auf dem Turnierprüfungen statt fanden. Darum herum gab es einen Bereich für die Zuschauer und ein weiterer Kreis darum bildete eine ringförmige Manege, in der jeder reiten konnte, der Lust hatte sein Pferd mit zum Fest zu bringen. Hier tümmelten sich Reiter jeder Art, vermischt mit Pferdekutschen und sogar einigen Eseln. Alle drehten hier ihre Runden, präsentierten sich und ihre Tiere, oder hatten einfach nur Spaß. Auf den Straßen um den Festplatz herum, herrschte ein ähnliches Treiben. Die Straßen waren voller Reiter, die ihre Tiere in jeglicher Gangart durch die Menschenmenge jonglierten. An einigen Bars saßen die Reiter auf ihren Pferden mit Bierbechern oder einem Schnapsglas in der Hand und je später es wurde, desto mehr Pferde schien es auf den Straßen zu geben.

Wir trafen uns mit unseren Freunden zum Abendessen, denn Essen ist und bleibt die wichtigste Amtshandlung in Portugal. Im Restaurant trafen wir auf weitere Pferdeleute, die unsere Freunde kannten, denn jeder schien hier jeden zu kennen. Es wurde ein sehr geselliger Abend, aber auch die Pferde spielten eine große Rolle. Nach dem Essen feuerten wir einen Freund unseres Freundes an, der mit seiner jungen Stute den zweiten Platz in einer hohen Dressurprüfung gewann. Danach wurde gefeiert und mit einem kühlen Glas Bier in der Hand der Käte trotzend, wärmten wir uns die Hände an frisch über dem Feuer gerösteten Maroni, die es an jeder Ecke zu kaufen gab. Der Rauch der Feuerstellen legte einen grauen Schleier über den Festplatz und ließ die Szene in einem surrealen Licht erscheinen.

Es war bereits weit nach ein Uhr nachts, und die Straßen waren noch voller Menschen und Pferde, als wir uns auf den Weg in die nahe gelegene Diskothek machten. Da man früher auch noch um sechs Uhr morgens stark betrunkene Reiter auf den Straßen gefunden hatte, ist es mittlerweile verboten, sein Pferd nach zwei Uhr nachts noch zu reiten. Doch nicht jeder hält sich an das Verbot und so gibt es vereinzelte Reiter zu jeder Tages- und Nachtzeit. Glücklicherweise erlebten wir keine ernsthaft gefährliche Situation, was mit Sicherheit dem außerordentlichen Charakter der Lusitano-Pferde zuzuschreiben ist. Ich habe selten so viele Hengste auf einem Flecken gesehen, die sich noch dazu nicht kannten und sich immer wieder gefährlich nahe kamen. Auch  wenn es einen unbeabsichtigten Anrempler eines anderen Pferdes gab, oder nur eine Haaresbreite zwischen den Hengsten lag, habe ich kein einziges Tier ausschlagen sehen. Sicherlich hat nicht jeder Reiter auf dem Festgelände sein Pferd so gut unter Kontrolle, wie er sollte, und man sollte sich schon gar nicht darauf verlassen, dass die Reiter auf Fußgänger Rücksicht nehmen werden, doch am Ende ging alles gut und ich kam mir mit meiner typisch deutschen Warnsirene im Kopf ein bisschen übertrieben vor. Easy going schien hier, soweit ich sehen konnte, sehr gut zu funktionieren und mir gefiel dieses riesengroße, chaotische Gewusel von Mensch und Pferd auf den engen Straßen, das in Deutschland schon aus Sicherheitsgründen niemals denkbar wäre, sehr gut.

In der Disko wärmten wir unsere ausgefrorenen Glieder an den Heizstrahlern und schauten uns die mit Projektoren auf die Wände projizierten Videos von Bullen an, die in Dörfern auf den Azoren auf eine waghalsige Schar an Schaulustigen losgelassen werden. Dieses Spektakel, das dort bis heute ein beliebter Volkssport ist, erschien mir so unglaublich dämlich, und ich konnte nicht aufhören diese Videos anzuschauen, auf denen es immer wieder ein paar Verrückte mit dem Bullen aufnehmen wollten und wenig später von ihm auf die Hörner genommen wurden. Die meisten kamen mit dem Schrecken und blauen Flecken oder zerfetzten Hosen davon, andere schienen weniger Glück zu haben. Ein seltsamer Sport, den Filipe und ich nicht verstehen konnten und die Menschen irgendwie ihre gerechte Strafe zu bekommen schienen. Gegen drei Uhr nachts begann dann die Live-Band in der Disko und machte richtig gute Stimmung. Aber Filipe und ich waren bald ausgebrannt ob der vielen Eindrücke und fielen am frühen Morgen völlig tot in unser Bett bei Dona Lizete.

Am nächsten Morgen regnete es in Strömen und nachdem die Dona uns nahezu ihre gesamte Familiengeschichte erzählt hatte und wir ihre Familienfotos auf dem Klavier bewundern durften, klarte der Himmel endlich etwas auf und wir machten uns auf den Weg ins Getümmel. Nach einem stärkenden Frühstück in einem Café, schlenderten wir durch die Gassen voller Verkaufsstände. Hier gab es so ziemlich alles, was das Herz begehrte: Von Schuhen über Reitstiefel, Jacken, Damen- und Herrenklamotten, über Sättel, Trensen und anderes Pferdezubehör, hin zu Dekoartikeln, Decken, Regenschirmen, Antiquitäten und jeglicher Art von Gaumenfreuden. Filipe und ich arbeiteten uns durch die Stände und mussten mehrmals zurück zum Zimmer laufen, um unsere neuesten Errungenschaften dort abzuladen. Jetzt, am Tag, waren die Pferdeständer um den Festplatz herum voll besetzt, wo die bekanntesten Lusitano-Züchter Portugals ihren edlen Nachwuchs ausstellten. Wir schlenderten durch die Gasse mit den Pferden und kamen kaum aus dem Staunen heraus, so schön waren die Tiere. Ganz besonders gut gefielen mir die schwarzen Lusitano-Hengste, auf dessen Zucht sich einer der Züchter spezialisiert hat.

Wir ließen uns an diesem Tag weiter treiben und genossen die außergewöhnliche Atmosphäre. Später am Abend gab es dann noch eine Vorführung der königlichen portugiesischen Reitschule auf dem Festplatz. Sie stellte ihre braunen Hengste unter dem Sattel und in der Handarbeit in den schwersten Dressurlektionen vor und zum Schluss zeigte sie noch eine Quadrille, bei der Mensch und Tier zu tanzen schienen. Die Zeit verging schnell, und im Handumdrehen stand bereits unsere Abreise bevor. Filipe und ich waren sehr glücklich, dass wir diesem tollen Ereignis beiwohnen durften und ich musste schmunzeln, als mir klar wurde, dass auch ich in Zukunft diesen verklärten Gesichtsausdruck bekommen würde, wenn mich jemand nach Golegã fragt. Golegã ist wirklich ein Erlebnis, das man nicht in Worte fassen kann. Man muss es einfach gesehen haben.

 


 

„In riding a horse,

we borrow freedom.“

Helen Thompson

 

Traumjaeger.net: Golegã

 

 

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