Der Entscheidungsmuskel

Der Regen ist zurück in Portugal und mit ihm habe ich endlich etwas Zeit, die ersten Wochen in meiner neuen Heimat Revue passieren zu lassen. Die vergangenen Tage war ich täglich mehrere Stunden im Garten, um Unkraut und Unordnung zu trotzen. Zugegeben, auf den fünf Hektar Land war das, was ich geschafft habe, nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Aber ich bilde mir trotzdem ein, dass es zumindest um das Haus herum schon etwas gesitteter aussieht. Und wenn ich weiterhin an jedem regenfreien Tag weiter arbeite, muss es irgendwann zwangsweise tipp topp sein.

Aber ich bin auch etwas froh über den Regen, denn mein Körper ist ausdauernde Gartenarbeit noch nicht gewohnt und meine Muskeln können sich jetzt endlich etwas von den Strapazen erholen. Und so finde ich endlich genug Zeit und Ausreden, um es mir mit Katze auf dem Schoß im Wohnzimmer gemütlich zu machen, um bei Hämmern, Sägen und Bohren im Hintergrund darüber nach zu denken, was mich meine Erfahrungen der letzten Wochen gelehrt haben.

Manchmal wird mir in ganz alltäglichen Situationen, wie der Autofahrt zum Pferd oder zum Supermarkt, plötzlich bewusst, dass ich tatsächlich gesprungen bin. Ich hab´s getan, hab los gelassen, und befinde mich jetzt mitten in meinem Abenteuer. Mitten in einem völlig neuen Leben. Es ist komisch, dass man sich diese Tatsache immer wieder bewusst vor Augen führen muss, denn in Wirklichkeit gewöhnt man sich unheimlich schnell an neue Gegebenheiten. Ich bin immer wieder erstaunt darüber, wie anpassungsfähig wir Menschen sind. Wir haben vielleicht oft Angst vor Veränderungen, aber sind diese erstmal Realität geworden, haben sie bereits ihren Schrecken verloren und gehören schon fast zum Alltag. Ich glaube, je mehr wir lernen Veränderungen als einen natürlichen Teil des Lebens anzuerkennen und zu akzeptieren, anstatt gegen sie anzukämpfen, desto mehr sind wir im Flow mit dem Leben und können Harmonie und Freude erfahren.

Dabei hilft es auch, sich nicht endlos den Kopf über Dinge zu zerbrechen und sich unaufhörlich zu sorgen, was ich beides ganz gut kann. In den letzten Wochen habe ich aber immer wieder festgestellt, dass alles seinen natürlichen Gang geht, wenn man es nur zulässt. Als ich in unserem neuen Heim ankam und überall nur Arbeit sah, konnte ich mich oft gar nicht richtig darüber freuen, dass uns jetzt ein so schönes und altes Haus gehört. Ich sah die tollen alten Holzdecken, sah das sanft geschwungene Grün des Grases auf der Wiese vor dem Haus, aber es fiel mir schwer, seine Schönheit zu erkennen. Denn allem voran sah ich Unkraut, Pferdezäune, die gebaut, Wände die gestrichen und Holzplanken, die ausgetauscht werden mussten. Und vieles mehr, das zu tun war. So viel, dass es mir unmöglich erschien alles zu schaffen, schon gar nicht in der Zeit, die uns bis zur Eröffnung des Gästehauses zur Verfügung steht. Ich verbrachte zu viel Zeit damit, mich zu sorgen und war dann wie gelähmt, denn bei all der anstehenden Arbeit wusste ich gar nicht, wo ich denn nun beginnen sollte.

Und dann schaltete ich einfach mal den Kopf aus und begann irgendwas zu tun. Ich wurschtelte mal hier, mal da, konfus vor mich hin, begann tausend Dinge, und brachte nichts zu Ende. Am Ende sah es im Haus schlimmer aus, als davor. Also beschloss ich, etwas zielstrebiger vor zu gehen, und mich erst einer neuen Tätigkeit zuzuwenden, wenn die letzte abgeschlossen war. Das funktionierte nicht immer, aber immer besser und ich schaffte es immer häufiger, Aufgaben zu Ende zu bringen und tatsächlich Ordnung zu schaffen. Irgendwann stellte ich fest, dass ich zwar endlich ins Handeln gekommen war, meine Tätigkeiten aber nicht wirklich effektiv waren. In meinem Übermut verschoss ich mein Pulver an Dingen, die man später mit Hilfe eines Traktors auch schneller und kräftesparender hätte erledigen können. Nur meine Ungeduld und der Wunsch nach Ordnung drängten mich, den harten Weg per Handarbeit und mit Rückenschmerzen gratis zu wählen. Nichts desto trotz verschwendete ich somit meine Ressourcen und ich überlegte, was ich tun könnte, um meine Zeit sinnvoller einzusetzen. Was müsste ich jetzt tun, um einen echten Unterschied zu bewirken? Ich stellte mir diese Frage immer häufiger, bis sie schließlich zur Gewohnheit wurde. Ich zwang mich, das endlose Hinwursteln sein zu lassen, und mir statt dessen jeden Tag ein Projekt vorzunehmen, das es dann durchzuziehen galt. Und plötzlich stellte ich fest, dass ich nicht nur schaffte voran zu kommen, sondern auch in weniger Zeit mehr schaffte.

Eine weitere harte Lektion, die ich lernen musste, war Entscheidungen zu treffen. Ich hatte Filipe nie verstehen können, wie er es schaffte, einfach so etwas zu beschließen und dann dazu zu stehen. Aber insgeheim beneidete ich ihn für diese Fähigkeit, denn in Wirklichkeit hatte ich meine Art des Entscheidungen vor mir her-schiebens ziemlich satt. Galt es eine Entscheidung zu treffen, quälte ich mich stundenlang mit der Abwägung aller Optionen herum, bis ich in der letzten Sekunde schließlich irgendeine Entscheidung von mir gab, die ich in der nächsten Sekunde aber sofort anzweifelte und mir den Kopf darüber zerbrach, ob die abgewählte Option wohl besser gewesen wäre. Dieses kräftezehrende Spiel zog sich durch mein gesamtes Leben, angefangen im Restaurant, bei der Auswahl des Essens, und weiter bei den wirklich wichtigen Fragen des Lebens. Das Essen auf den Tellern der anderen sah am Ende irgendwie immer besser aus. Es war an der Zeit, das zu ändern!

Nach unserer Ankunft in Portugal und als es hieß, das Haus zu renovieren, konnte ich meinen Mangel an Entschlusskraft noch relativ gut kaschieren, denn Filipe war mit Feuereifer bei der Sache und die meisten Entscheidungen trafen wir gemeinsam. Eines schönen Mittwoch morgens jedoch standen die Maler vor unserer Tür, legten mir ein paar Heftchen mit Farbtönen vor die Nase und baten mich, die Farben für das Haus auszuwählen. Am besten sofort. Im Laufe des Tages bekam ich nicht nur Schnappatmung und stechende Kopfschmerzen, sondern war schon bald mit den Nerven fix und fertig. Filipe war mit seiner Farbenblindheit keine große Hilfe, mit allen anderen Anwesenden konnte ich wegen der sprachlichen Barriere nicht kommunizieren und die Fotos meiner Farbauswahl, die ich in meiner Verzweiflung zu meiner Mutter schickte, waren je nach Lichteinfall sehr unterschiedlich. Ich erbat mir über das Wochenende Bedenkzeit und die folgenden Tage waren sehr nervenaufreibend aufgrund dieser wichtigen Entscheidungen. Als schließlich mithilfe des beherzten Einsatzes meiner Mutter in Deutschland alle Farben ausgewählt waren, fiel mir ein riesengroßer Stein vom Herzen und gleichzeitig war mir bei dieser Begebenheit erstmals bewusst geworden, wie schlecht es wirklich um meine Entschlusskraft stand.

In den folgenden Wochen gab es jedoch zum Glück kein Erbarmen, denn es gab und gibt noch immer unheimlich viele Dinge zu entscheiden. Renovieren und Umbau wollen eben wohl überlegt sein. Mir fiel Bodo Schäfers Buch „Die Gesetze der Gewinner“ ein, in dem er die Idee beschreibt, sich unsere Entschlusskraft als einen Muskel vorzustellen, den man bei jeder Entscheidung trainiert. Je schneller man eine Entscheidung trifft, desto besser. Und natürlich sollte man seine wertvolle Zeit und Energie danach nicht mit Hadern verschwenden. Ich glaube, dass ich diesen Entscheidungsmuskel vor unserem Abenteuer Portugal überhaupt nicht ausgebildet hatte – oder er war zumindest so klein und verkümmert, dass er kaum vorhanden war. Anstatt selbst Entscheidungen zu treffen, hatte ich in der Vergangenheit wohl oft den auf den ersten Blick bequemeren Weg gewählt, anstehende Entscheidungen anderen zu überlassen. Doch damit habe ich auch die Möglichkeit abgegeben, mein Leben nach meinen eigenen Wünschen und Vorstellungen zu gestalten. So habe ich in der Vergangenheit oft meinen Eltern vorgeworfen, dass sie meinen bisherigen Lebensweg über meinen Kopf hinweg für mich entschieden hätten. Doch jetzt wurde mir klar wie dumm diese Schlussfolgerung war und dass ich meine Entscheidungsfreiheit freiwillig abgetreten hatte – ohne mir dessen aktiv bewusst zu sein. Jetzt, mit dem Duft der Möglichkeiten in der Nase und auf den Geschmack gekommen, wie schön es sich anfühlt, sein Leben bewusst zu gestalten, traf ich die Entscheidung, meine Entschlusskraft wieder zum Leben zu erwecken. Und mittlerweile merke ich langsam, wie ich besser darin werde, eigene Entscheidungen zu treffen und mein kleiner Entscheidungsmuskel immer mehr in Form kommt. Ich habe überrascht festgestellt, dass Entscheidungen treffen auch Spaß machen kann, wenn man sich auf die Option fokussiert, die man durch sie hinzugewinnt, anstatt auf die, die man abwählt. Denn letztendlich liegt es auch hier im Auge des Betrachters, ob das Glas halb voll oder halb leer ist.

Tatsächlich ist unser neues Leben nicht immer leicht, aber um ehrlich zu sein auch nicht schwieriger als unser altes. Es ist einfach nur anders. Neue Herausforderungen, neue Erfahrungen, neue Lektionen. Aber genau das macht auch irgendwie die Würze des Lebens aus, macht es bunter und gibt uns das Gefühl lebendiger zu sein. Und jede überwundene Schwierigkeit macht uns stärker und gibt uns mehr Gewissheit, dass wir die Schöpfer unseres Lebens sind und es nach unseren Wünschen gestalten können. Das Leben wird vielleicht nicht immer so verlaufen, wie wir es möchten, aber egal was kommt – es wird immer richtig sein. Wir müssen nur mit offenen Augen und offenem Herzen durch die Welt gehen, und wir werden ihre ganze Schönheit erfahren.

 


 

„Egal, wie gut man etwas macht,

wenn es nur ein Ausfüllen der Vorstellung eines anderen ist,

ist es sinnlos.“

Julia von Lucadou

 

traumjaeger.net: Morgenfrost

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