Willkommen auf dem Ponyhof

Das neue Jahr ist angebrochen und mit ihm hat für mich eine Art neue Zeitrechnung begonnen. Man unterscheide die Zeit bevor wir die Pferde am Hof hatten und die Zeit, seitdem wir sie am Hof haben. Es ist ein Unterschied wie Tag und Nacht und mit dem Einzug der beiden Vierbeiner hat sich für mich der wohl am längsten gehegte Traum meines Lebens erfüllt.

Aus unerklärlichen Gründen bin ich von klein auf völlig pferdevernarrt. Unerklärlich, denn außer mir interessiert sich niemand in meiner Familie für Pferde – außer einer Cousine, was ich super schön finde, aber das kam erst viel später. Seitdem ich denken kann, hatten Pferde eine magische Anziehungskraft für mich und dominieren seit jeher mein Leben. Ich kann mir nicht nur ein Leben ohne sie nicht vorstellen, sondern tatsächlich sind sie mein Leben. Jeder Tag ohne Pferde, ist ein verlorener Tag. Mit acht Jahren, nachdem ich meine Eltern lange genug damit genervt hatte, durfte ich endlich anfangen zu voltigieren. Mit zehn folgte dann der heiß ersehnte Reitunterricht. In meiner Freizeit durchforstete ich mit meinen Schulfreundinnen Zeitschriften mit Verkaufsanzeigen für Pferde, suchte mir „meine“ Pferde aus, gab ihnen Namen und zeichnete während des Schulunterrichts Pläne für Reitställe, wo jedes meiner Pferde seine eigene Box hatte. Mit dreizehn erfüllte sich dann endlich der große Traum vom eigenen Pferd. Ich kann mich noch sehr gut an den Tag erinnern, als ich mein heiß geliebtes Reitschulpferd endlich mein Eigen nennen durfte. Mit blitzeblanker neuer Ausrüstung machte ich mit einer Stallkollegin einen Ausritt und war überglücklich. Es war bis dato der schönste Tag meines Lebens.

Diese Liebe zu Pferden hat nie aufgehört und ist im Gegenteil mit der Zeit immer stärker geworden. Wo man als Kind zum eigenen Schutz noch viel fremdbestimmt war und es viele Regeln und Grenzen im Umgang mit den Pferden einzuhalten galt, hat das erwachsen werden Raum für viele neue Möglichkeiten gebracht. Man konnte selbst entscheiden was, wann und wie lange man etwas mit dem Pferd anstellen wollte und begrenzt wurde man dabei nur von der eigenen Vernunft oder der Bereitwilligkeit seines Pferdes. Mein Pferd hatte ich stets in größeren Reitställen untergebracht, wo es gefüttert und ausgemistet wurde und so konnte ich meine Freizeit ausschließlich dazu verwenden, mit ihm Spaß zu haben. Trotzdem träumte ich immer davon, eigene Pferde am Haus zu haben. Jeder Zeit schnell nach ihnen sehen zu können, ihrem friedlichen Grasen auf der Weide zuzusehen und ihnen durch die geringere Distanz noch verbundener zu sein. Obwohl meine Eltern einen großen Garten haben, war das trotzdem mitten in der Wohnsiedlung nicht möglich und später, als ich in verschiedenen Städten in Wohnungen lebte, natürlich noch viel weniger.

Als Filipe und ich uns schließlich in unser verrücktes Abenteuer Portugal stürzten, durfte unser Pferd natürlich nicht fehlen, aber aufgrund verschiedener Gründe musste es vorübergehen in einem portugiesischen Reitstall einziehen. Der Stall auf unserem Hof war lange nicht benutzt worden und es gab dort jede Menge zu tun, bevor er bewohnbar war. Und ganz nebenbei mussten die Renovierungsarbeiten am Haus organisiert werden und anlaufen, damit unser Zeitplan bis zur Eröffnung des Gästehauses eingehalten werden konnte. Unser Pferdchen Gin musste sich also gedulden.

Leider ist unser Gin ein kleines Sensibelchen und fand es nicht besonders schön, in einem anderen Reitstall abgestellt zu werden. Wir fuhren jeden Tag die 30 Minuten zu ihm, aber unsere Zeit war begrenzt und wirklich gerecht werden konnten wir ihm nicht. Die Leute im Reitstall kümmerten sich um ihn, aber er lebte sich auch mit der Zeit dort nicht ein. Stattdessen war er andauernd krank und jedes Mal, wenn man dachte, dass die Pechphase nun endlich überstanden sein musste, war wieder irgendetwas neues. Am Ende war das Pferd unglücklich und ich mit meinen Nerven am Ende. Es wurde Zeit den Buben nach Hause zu holen.

Mitte Dezember kamen uns Freunde aus Schweden besuchen und meine schwedische Freundin, die selbst einen großen Bauernhof besitzt, war Feuer und Flamme bei der Idee, Gin zu uns zu holen. Gemeinsam mit ihr und ihrem Mann wurde der Stall von seiner Zentimeter dicken Schmutzschicht befreit, die beiden Pferdeboxen abgestrahlt und sämtlicher Schrott wie Metalltonnen, Holzbalken, rostige Drähte, ja sogar ein alter rostiger Grill, zur Seite geräumt. Im hinteren Bereich des Stalls türmte sich ein riesiger Berg an alten, halb aufgerissenen Futtersäcken. Nach genauerer Inspektion blieb das Ganze weiterhin undefinierbar und musste somit entsorgt werden. Nicht so einfach ohne passendes Gefährt, aber Filipe fand jemanden, der sie abholte. Wir bauten Pferdezäune für eine erste Koppel und begannen mit einer zweiten, die wir jedoch nicht fertig stellen konnten, denn das bestellte Zaunmaterial ließ auf sich warten. Man muss hier anmerken, dass die Auswahl und Verfügbarkeit von Produkten in Portugal nicht vergleichbar mit Deutschland sind. Im Nachbarort zeigten wir Anfang Dezember dem Inhaber eines Landwirschaftsmarktes Fotos der Dinge, die wir benötigten und er rief uns am nächsten Tag an, um uns mitzuteilen, welche Sachen er uns zu welchem Preis besorgen konnte. Wenig später bestellte ich die restlichen Zaunmaterialien bei einer deutschen Firma, die auch nach Portugal liefert. Diese erreichten uns trotz Vorweihnachtszeit nach circa zehn Tagen, wohingegen die Sachen aus dem Mini-Baumarkt erst Anfang Januar eintrafen.

Doch die wirklich großen Schwierigkeiten in der Vorbereitung zum Einzug der Pferde lagen in der Beschaffung von Sägespäne und Heu. Einige Wochen zuvor hatten Filipe und ich einen großen Tierfuttermarkt in der Gegend ausgekundschaftet, wo sie Palettenweise abgepackte Späne stehen hatten. Ich schlussfolgerte, dass sie diese Produkte also ständig vorrätig hätten. Doch ich hätte es besser wissen müssen. Wir hatten noch 3 Tage bis zu unserer Abreise nach Deutschland, wo wir mit meiner Familie Weihnachten feiern sollten. Der Plan war, unser Pferd sofort am Tag nach unserer Rückkehr nach Portugal zu uns auf den Hof zu holen. Es war für mich einfach unheimlich wichtig, Gin noch im alten Jahr zu Hause zu haben und diese Sache zu Ende zu bringen. Doch als Filipe im Tierfuttermarkt ankam, gab es natürlich keinen einzigen Sack Späne. Er irrte von einem Laden zum anderen und fand schließlich ein nahe gelegenes Sägewerk, das Späne von unbehandeltem Holz übrig hatte. Die Dame versprach es noch am gleichen Tag vorbei zu bringen, doch es wurde immer später und niemand kam. Am nächsten Tag fuhr Filipe wieder hin und ihm wurde erneut versichert, dass die Späne noch am selben Tag geliefert werden würde. Es war der vorletzte Tag vor unserer Abreise und die Zeit drängte. Zwischenzeitlich erklärte sich ein Freund von uns freundlicherweise bereit, uns etwas von seinem Heu zu verkaufen und wir holten die ersten Ballen bei ihm ab. Spät am Abend, als bereits alles dunkel war, traf dann schließlich auch noch der Transporter mit der Sägespäne ein. Jetzt war alles bereit für den Einzug der Pferde.

Am Tag vor unserer Abreise überraschte uns Gin dann nochmal mit einer erneuten leichten Lahmheit. Der örtliche Tierarzt, den wir durch Gins vorangegangene Eskapaden bereits ganz gut kennen gelernt haben, gab Entwarnung, aber trotzdem fuhren wir schweren Herzens am nächsten Tag nach Deutschland. Der Reitstallbesitzer hielt uns auf dem Laufenden und tatsächlich besserte sich Gins Lahmheit täglich und war bald wieder verschwunden.

Filipe und ich nahmen den ersten Flug nach den Weihnachtsfeiertagen zurück nach Portugal. Wir erreichten spät am Abend unser Heim und am nächsten Vormittag war es endlich soweit: Nach einigen kleinen Schwierigkeiten mit dem Pferdehänger betrat unser Pferd zum ersten Mal den Boden seiner künftigen Heimat. Er war erstaunlich gelassen, obwohl er als erstes Pferd am Stall eintraf. Ich ließ ihn ein bisschen auf die Koppel, wo er sich sofort auf das saftige Gras stürzte. Nachdem der größte Hunger gestillt war, ging ein Ruck durch Gin: Er schien plötzlich bemerkt zu haben, dass er zum ersten Mal seit drei Monaten auf einer Koppel stand und frei war. Er rannte im gestreckten Galopp los und drehte überglücklich Runde um Runde. Jedes Mal, wenn er an mir vorbei galoppierte, schien er mir zuzulächeln und zu sagen: Schau wie schön ich bin!

Schließlich machten Filipe und ich uns noch auf den Weg, um Gins vorübergehende Stallgefährtin abzuholen. Als die Pferde am Ende des Tages schließlich entspannt in ihren Boxen das Heu kauten, waren Filipe und ich erschöpft, aber überglücklich. Endlich hatten wir unseren Traum wahr gemacht! In Zukunft würden wir zwar selber die Stallarbeit verrichten müssen, aber wir freuten uns darauf und tatsächlich habe ich die Arbeit bisher kein einziges Mal als störend empfunden. Es ist die natürliche Konsequenz für das größte Geschenk, das mir Portugal bisher gemacht hat: Meine geliebten Vierbeiner am Haus zu haben.

 


 

„Die Zukunft soll man nicht voraussehen wollen,

sondern möglich machen.“

Antoine de Saint-Exupéry

 

Traumjaeger.net: Pferde am Haus

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