Das Biest in mir

Als Filipe und ich uns vor über vier Monaten in unser Abenteuer „Portugal“ gestürzt haben, waren wir voller Vorfreude und Zuversicht. Und gleichzeitig waren wir uns der Gefahren auf diesem Weg bewusst: Die Herausforderungen in einem neuen Land, dessen Spielregeln wir nicht kannten, die Schwierigkeiten, die einem bei jedem neuen Projekt begegnen, noch dazu auf einem für uns völlig unbekannten Arbeitsfeld. Und nicht zu vergessen, der ständige finanzielle und zeitliche Druck im Hintergrund. Doch sich einer Gefahr bewusst zu sein, bedeutet nicht, sie auch bändigen zu können. Und keine Vorsicht der Welt, kann einem vor dem Scheitern bewahren.

Als Filipe und ich vor über vier Monaten die Grenze nach Portugal überquerten, ließen wir nicht nur unser altes Leben mit allen seinen guten und schlechten Seiten zurück, sondern ebenso alle Sicherheiten, in denen wir uns wähnten. Wir betraten einen neuen Raum voller Möglichkeiten und Unwägbarkeiten. Manches davon würden wir durch unser Tun beeinflussen können, anderes nicht. Wir öffneten uns der Verletzlichkeit des Lebens, wo die Grenzen zwischen Erfolg und Scheitern nahe beieinander liegen und man nie voraussehen kann, was als Nächstes passiert. Kurz gesagt: Wir tauchten ein ins „echte“ Leben, auf der Verfolgung unserer Träume und der Reise zu uns selbst.

Traum- und Selbstverwirklichung klingen immer sehr schön, erinnern an Palmen und Sonnenuntergang am Sandstrand, gemischt mit einem dünnen Hauch an Schießpulver in der Nase und triumphaler Hintergrundmusik. Eine Mischung aus Paradies und wildem Westen. Die Realität sieht dagegen anders aus: Die romantische Reise zu uns selbst ist viel mehr eine harte Schule, die uns abverlangt, offen und ungeschminkt in den Spiegel zu sehen und die Seiten an uns, die wir so sehr verabscheuen, dass wir sie gar nicht erst sehen wollen, liebevoll anzunehmen.

Die größten Spiegel auf diesem Weg sind dabei die Menschen, die uns am nächsten stehen. Sie sind diejenigen, die uns am besten kennen und auch diejenigen, die uns innerhalb von Sekunden auf die Palme bringen können. Jetzt, wo Filipe und ich nahezu 24 Stunden am Tag aufeinander sitzen, gemeinsam arbeiten und leben, Projekte planen, renovieren, einrichten, Gartenarbeit verrichten, Pferde versorgen und vieles mehr, kann es schon mal passieren, dass man sich an einer Sache aufreibt, die man für gewöhnlich gelassener gesehen hätte. Wir durchlaufen einen Crash-Kurs für Beziehungsführung, wobei wir die Lösungen für das Puzzle unserer Liebe selbst finden müssen.

Das Interessante ist, dass man die größten Schätze findet, wenn man sich nur traut, in diesen Spiegel zu blicken. Denn auch wenn man es sich eigentlich nicht eingestehen möchte: Unsere Liebsten haben die Fähigkeit unsere blinden Flecken deutlich zu sehen. Sie sehen klar unsere Schwächen und Stärken und wissen oft besser, was wir brauchen, als wir selbst. Nur ist das nicht immer das, was wir hören möchten. Aber wenn man es schafft, innerlich einen Schritt Abstand vom eigenen Ego zu nehmen, muss man sich doch oft zähneknirschend eingestehen, dass der andere Recht hatte – und dass hier eine echte Chance zur persönlichen Weiterentwicklung glitzernd vor einem liegt.

Ich hätte Filipe zum Beispiel einige Male gerne auf den Mond schießen wollen, als er mich dazu drängte, in einigen Entscheidungsfragen die Führung zu übernehmen. Natürlich hatte ich es vor ihm nie eingestanden, aber tatsächlich versteckte ich mich in solchen Dingen ab und zu gerne mal hinter ihm und gab die Verantwortung lieber ab. Was aufgrund der Sprachbarriere oft auch ganz gut geklappt hat.

Außerdem spielte ich lieber das nette kleine Mädchen, als auch mal die Krallen auszufahren. Vielleicht ist es ein typisches Mädchen-Ding, die Brave und Angepasste zu sein, und die Jungs dagegen wählen lieber die Strategie des Rebellen. Aber Ausnahmen sind da sicherlich die Regel. Jedenfalls überließ ich es sehr gerne Filipe, die „schmutzige Arbeit“ zu erledigen – wenn mal wieder jemand nicht zurück gerufen hat, eine Arbeit nicht, schlecht, oder falsch erledigt wurde, oder was auch immer gerade nicht klappte. Es ist schön, sich mit Leuten gut zu verstehen, aber es ist eine Kunst, dies auch zu tun, wenn man etwas auszusetzen hat. Und Filipe – bewusst, oder unbewusst – hatte hier den Nagel mal wieder auf den Kopf getroffen. Es war also Zeit den Blick in den Spiegel zu wagen und das kleine Greta-Biest von der Angel zu lassen.

Die Verwirklichung unserer Träume ist in meinen Augen nämlich untrennbar mit persönlichem Wachstum verbunden. Wer immer derjenige bleiben möchte, der er schon ist, wird auch immer das Leben leben, das er schon hat. Vielleicht werden sich auf der materiellen Ebene einige Veränderungen manifestieren, aber unsere Erfahrungen werden immer die Gleichen bleiben, denn unsere Bewertung der Ereignisse und damit unser Empfinden konnten sich nicht weiter entwickeln. Denn tatsächlich ist die Welt nicht so, wie sie ist, sondern wie wir sind (Fabian Ries).

Als wir nach Portugal auswanderten und begannen unseren Träumen zu folgen, war es für mich deshalb sehr wichtig, auch immer authentischer zu werden. Aufzuhören Dinge zu tun, die ich eigentlich gar nicht tun wollte, nur aus Pflichtbewusstsein oder anderen Ausreden heraus. Aufzuhören freundlich zu sein, wenn mir eigentlich danach war, jemandem mal die Leviten zu lesen. Oder auch aufzuhören, die Bedürfnisse anderer über meine eigenen zu stellen. Sprich: Sich den Luxus zu gönnen man selbst zu sein, auf die Gefahr hin, auch mal anecken zu können.

Aber was mir tatsächlich immer noch am schwersten fällt, ist nicht unbedingt das Aufhören, sondern das Anfangen. Anfangen mit den Dingen, die mir wirklich am Herzen liegen. Wir haben hier bereits so viel geleistet, haben so viele Weichen für unser Wunschleben gestellt und die nötigen Voraussetzungen geschaffen. Und doch merke ich, wie mein Denken noch immer gerne in meinem alten Leben festhängt. Ich mich ständig mit Dingen beschäftige, mich auf Trab halte und am Ende wohl einfach nur ablenke, die mir nicht wirklich etwas bedeuten. Anstatt mich hin zu setzen und die großen Projekte anzugehen, die ich so gerne verwirklicht sehen würde. Doch ich starte nicht mit diesen Dingen in meinen Tag, sondern erledige erst alle Pflichten, und der Tag nimmt irgendwie seinen Lauf, bis am Abend mal wieder keine Zeit für meine Herzensprojekte blieb. Wahrscheinlich fehlt mir dazu einfach noch etwas der Mut.

Das Biest in mir hat also tatsächlich mehrere Aufgaben zu erfüllen: Es darf mir helfen authentischer zu werden und für mich einzustehen. Mich nicht von anderen rumschubsen zu lassen, sondern ganz klar und bestimmt meine Interessen zu vertreten. Dazu darf es auch mal die Krallen ausfahren und tatsächlich etwas biestig werden, wenn es angezeigt ist. Nett lächeln und nicken war gestern. Jetzt ist die Zeit für selbstbewusstes Auftreten gekommen.

Und darüber hinaus darf mein Biest auch mir selbst in den Hintern treten und mich täglich dazu ermuntern meine Prioritäten neu zu justieren und die wirklich wichtigen Dinge in mein Boot zu legen, bevor ich in den Tag hinaus segle. Denn – wie John Strelecky es in einem seiner Bücher so schön bildlich dargestellt hat – sollte man immer zuerst die wichtigsten Dinge einpacken, sonst ist am Ende eventuell nicht mehr genügend Platz für sie vorhanden.

Und je länger ich über diese Dinge nachdachte, desto deutlicher wurde mir bewusst, dass es so etwas wie Scheitern nicht mehr geben kann, wenn man diese beiden Punkte – authentisch sein und Prioritäten richtig setzen – beachtet und nach ihnen lebt. Denn wer Entscheidungsfragen aus seinem Bauch heraus löst und jeden Tag die Dinge tut, die ihm wirklich am Herzen liegen, der wird eventuell Rückschläge erleiden, oder manches Mal einen anderen Weg einschlagen müssen, als zunächst geplant – aber er wird nie versagen, denn er ist sich immer treu geblieben. Und ist es am Ende nicht das, was einem glücklichen Leben am nächsten kommt?

 


 

„Am Grab der meisten Menschen trauert,

tief verschleiert,

ihr ungelebtes Leben.“

George Jellinek

 

traumjaeger.net: Portugal

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