Ent-Täuschung

Als ich morgens aufwachte, war ich sofort putzmunter. Ich übte mich in den letzten Wochen darin, immer etwas früher aufzustehen und meine morgendliche Begeisterung über diese Art der Selbstgeißelung hielt sich an so manchen Tagen noch in Grenzen. Doch heute war es anders. Ich sprang fast aus dem Bett, denn ich freute mich auf diesen Tag und konnte es kaum erwarten, bis unser kleiner Ausflug begann.

Vor ein paar Tagen hatte ein Freund von uns angerufen, der wusste, dass wir auf der Suche nach einem Pferd waren. Die Abreise des Stütchens, das unserem Pferd derzeit Gesellschaft leistete, stand kurz bevor und auch wenn uns der Abschied von diesem lieb gewonnen Pferd schwer fiel, mussten wir nach vorne schauen und Ersatz für sie finden. Da kam der Anruf unseres Freundes gerade recht, der von einem Mann berichtete, der eine riesige Reitanlage geerbt hatte und nun alle Pferde zu unglaublich guten Preisen verkaufte. Das war genau das Richtige für uns! In Gedanken malte ich mir aus, wie ich in einem Meer an Pferden stand und mich gar nicht entscheiden konnte, welches unser neuer Begleiter sein durfte. Ein Bekannter unseres Freundes hatte dort nur zwei Tage zuvor sechs reinrassige Lusitanos, die Pferderasse Portugals, gekauft und berichtete von riesigen LKWs, die auf den Hof gefahren kamen und so viele Pferde einluden, wie nur irgendwie hinein passten.

Doch bevor das Abenteuer beginnen konnte, stand meine geliebte morgendliche Stallroutine auf dem Plan: Ich schlüpfte in meine Gummistiefel und Jacke und eilte hinaus in den frischen Morgen. Freudiges Brummeln empfing mich im Stall. Ich brauchte mir nichts vor zu machen: Die Freude galt weniger meiner Person, als meiner Funktion als Futterlieferant. Trotzdem war es schön so euphorisch begrüßt zu werden. Ich brachte die Pferde auf die Weide und anschließend brachte ich ihnen mit dem Schubkarren Heu und Kraftfutter. Aufgrund der ganzen Bauarbeiten am Grundstück konnten wir noch nicht alle Weidezäune errichten und das Gras auf den beiden Weiden, die uns bereits zur Verfügung standen, war schon recht herunter gefressen. Es war zwar eine etwas mühsame Arbeit das Heu über den holprigen Weg zur Koppel zu bringen, aber das machte mir nichts aus. Hauptsache es ging den Pferden gut. Ich füllte den Wassertrog auf und machte mich anschließend daran, die Boxen auszumisten. Ich wusste, dass ich mit dem Säubern des Stalls etwas penibel war, aber es war mir wichtig, dass die Pferde in einer sauberen Box mit ausreichend Heu die Nacht verbrachten. Und das ordentliche Kehren am Ende der Stallarbeit war ebenfalls obligatorisch. Ordnung muss eben sein.

Schließlich war das Werk vollbracht und nach einem kurzen Frühstück mussten wir auch schon los. Wir trafen unseren Freund und die Tochter des Bekannten, der wenige Tage zuvor die Pferde bei demselben Gestüt gekauft hatte, etwas außerhalb der Stadt. Bevor wir weiter fuhren, kehrten wir zuerst im Café der Tankstelle ein. Diese typische Sitte, vor jedem Vorhaben zunächst gemeinsam und in Ruhe eine Tasse Kaffee zu genießen, ist für mich portugiesische Lebensweise pur. Auch wenn ich selbst keinen Kaffee trinke und eine Kaffee-Pause daher selbst nie initiieren würde, mag ich diesen Brauch doch sehr gerne. Er ist eine kleine Rebellion gegen die Hektik des Alltags und erinnert daran das Leben und die Gemeinschaft zu genießen.

Nach dem kleinen „cafezinho“ ging es dann endlich los. Wir fuhren circa zwei Stunden, bis wir unser Ziel erreichten. Eine riesige, aber etwas verlassen wirkende Anlage. Im Stall fanden wir einen Pferdepfleger, der uns den Weg zum Büro zeigte. Am belebten Teil des Stalls und einer riesigen Reithalle vorbei, führte uns der Weg durch unzählige Gänge von düsteren und verlassenen Boxengassen. Die Atmosphäre war kalt und abweisend und erinnerte eher an ein Gefängnis, als an einen Ort, wo lebende Tiere untergebracht werden sollten. Für kein Geld der Welt hätte ich hier mein Pferd eingestellt.

Es kam mir vor wie eine halbe Weltreise, bis wir schließlich durch eine Tür schlüpften und in einem modernen Gebäude mit Vortragszimmern und Büros herauskamen. Wir gingen eine Treppe nach oben und der Pferdepfleger sprach mit einigen Leuten in einem der Büros. Schließlich kam der Eigentümer der Anlage heraus und stellte sich uns vor. Filipe erklärte unser Anliegen und es folgte eine längere Unterhaltung, von der ich nur Teile verstand. Zunächst erkundigte sich der Mann, was für ein Pferd wir suchten, denn er hätte eine so große Anzahl von Pferden hier auf der Anlage und auf nahe gelegenen Höfen, dass er sich erst ein Bild davon machen müsste, was wir haben wollten. Filipe und der Mann verfielen daraufhin in ein intensives Gespräch und ich verstand nur noch einzelne Fetzen. Mit der Zeit wurde aber klar, dass irgendetwas nicht gut zu laufen schien, denn das Gespräch zog sich in die Länge und anstatt uns die tausenden Verkaufspferde zu zeigen, die der Mann angekündigt hatte, standen wir noch immer auf diesem nackten Flur und meine Ungeduld wuchs.

Mir wurde klar, dass es tatsächlich einige Unstimmigkeiten gab, als das Mädchen, das uns begleitete, und deren Vater hier einige Pferde gekauft hatte, in die Unterhaltung miteinbezogen wurde und der dicke Eigentümer mit seinen schmierigen Haaren in einem äußerst arroganten und überheblichen Ton auf das Mädchen wie ein Oberlehrer einzureden begann. Schließlich verschwand der ungemütliche Typ für einen Augenblick im Inneren des Büros und als er zurückkam, verkündete er: Mittwoch! Schlagartig wurde mir klar, dass wir hier keine Pferde zu sehen bekamen. Heute hätte der gute Mann auf einmal keine Zeit uns seine edlen Rösser zu zeigen und wir sollten statt dessen in zwei Tagen wieder kommen. Ich konnte es nicht glauben. Wir wurden soeben auf die Straße befördert! Natürlich würden wir in zwei Tagen nicht wiederkommen und natürlich hatte der schmierige Kerl auch gar kein Interesse daran, dass wir wiederkamen. Hier gab es kein Pferd für uns.

Auf dem Weg durch die Katakomben zurück zum Parkplatz, wo unser Auto auf uns wartete, erklärte mir Filipe was vorgefallen war und wir waren alle ratlos, ja fassungslos, darüber. Als Filipe dem Typen den gewünschten Preisrahmen nannte, platzte der sofort heraus, dass er zu diesem Preis kein einziges Pferd hätte. Filipe erklärte ihm, dass wir aufgrund einer Empfehlung des Mädchens gekommen waren, deren Vater erst zwei Tage zuvor zu eben diesem Preis hier sechs Pferde gekauft hatte. Der Eigentümer der Anlage fühlte sich daraufhin wohl beim Lügen ertappt und versuchte sich aus der Situation heraus zu reden. Er behauptete, dass diese Pferde nicht reinrassig und ohne Papiere gewesen seien, was aber ebenfalls eine Lüge war, wie wir alle wussten. Er begann auf das Mädchen einzureden und tat so, als hätte sie keine Ahnung gehabt, zu welchen Konditionen deren Vater die Pferde gekauft hätte. Filipe versuchte ihn zu beschwichtigen und forderte ihn auf, uns einfach die Pferde zu zeigen, die er zum nächstbesten Preis anzubieten hatte. Doch der Typ hatte sich bereits entschieden, mit uns keine Geschäfte zu machen und schob vor den Bereiter zu fragen, der dann leider andere Aufgaben an diesem Tag zu erledigen hatte und uns deshalb keine Pferde vorstellen konnte. Mittwoch würde ihm besser passen…

Ich war super enttäuscht. Ich hatte mich so darauf gefreut, ein Pferd für uns auszusuchen und am Ende hatten wir noch nicht mal ein einziges zu Gesicht bekommen. Ich war wütend, denn mir war klar, dass der Typ in uns eine fette Beute gewittert hatte. Vor allem in mir, der blonden Deutschen. In den Augen mancher Leute hier sind eben alle Ausländer reich und leider gibt es Scharlatane wie diesen, der sich daraus einen eigenen Vorteil verspricht. Ich war enttäuscht, denn ich hatte nicht zum ersten Mal das Gefühl, dass man mich aufgrund meiner Nationalität über den Tisch zu ziehen versuchte. Portugal ist in dieser Hinsicht in meinen Augen ein Land dramatischer Gegensätzlichkeit: Auf der einen Seite erlebe ich hier eine nie gekannte Gastfreundschaft, Offenheit und Hilfsbereitschaft und auf der anderen Seite weiß ich auch, dass man zu jeder Zeit aufpassen muss, nicht abgezockt zu werden.

Mein Frust saß tief und diese Erfahrung hing mir noch lange nach. Nachdem der erste Schock verdaut war und ich wieder klarer sehen konnte, musste ich mir eingestehen, dass die positiven Erfahrungen, die wir hier machten, den negativen wie diesem Erlebnis, bei weitem übertrafen. Ich liebe dieses Land und seine Leute. Ich liebe seine Lebensweise, die Atmosphäre, den Spirit in der Luft. Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl, nicht weg zu wollen. Sonst hatte es mich immer in die Ferne gezogen und ich konnte es kaum erwarten, endlich auf zu neuen Ufern zu schwimmen. Aber hier bin ich glücklich, wenn ich den ganzen Tag auf unserem Hof vor mich hinwursteln kann und keine Termine außerhalb habe. Ich bin hier angekommen, trotz aller Höhen und Tiefen und Erfahrungen wie diese gehören zu der Lernkurve, die wir gerade bestreiten. Es werden noch weitere Enttäuschungen folgen, genau wie viele, viele weitere wundervolle Erlebnisse. Und irgendwie freue ich mich gleichermaßen auf beide. Denn auch wenn die tollen Erfahrungen uns in den schönsten Gefühlen baden lassen, sind es doch die schmerzhaften, die uns wirklich weiter bringen.

 


 

„Wir brauchen uns nicht weiter vor Auseinandersetzungen, Konflikten und Problemen

mit uns selbst und anderen zu fürchten,

denn sogar Sterne knallen manchmal aufeinander,

und es entstehen neue Welten.

Heute weiß ich,

das ist das Leben!“

Charlie Chaplin

 

Traumjaeger.net: Galopim

 

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2 Antworten zu Ent-Täuschung

  1. Andy schreibt:

    Hallo erstmal,
    ich bin zufällig auf deinen Blog gestoßen, als ich das Gedicht von Weatherford im Internet suchte. Jetzt habe ich ein paar Einträge gelesen und würde gerne „chonologisch“ deinen Werdegang nachvollziehen. Leider finde ich keine Übersicht über alle bisherigen Blogeinträge und den „ersten“ zu finden ist gar nicht so leicht. Hast du dafür eine Lösung?

    Viele Grüße
    Andy

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    • traumjaegersite schreibt:

      Hi Andy!
      Schön, dass du dich auf meinen Blog verirrt hast und dich etwas umsehen möchtest 🙂
      Die Blogbeiträge findest du im Menü unter „Traumjäger Blog“ in chronologischer Folge, wobei die neuesten Einträge oben stehen. Wenn du ganz von Anfang an starten möchtest, müsstest du hier also ganz nach unten scrollen.
      Ich wünsche dir viel Spaß beim Lesen und freue mich über Feedback!
      Liebe Grüße

      Gefällt mir

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