Das ganz normale Chaos

Langsam ist der Alltag in unserem täglichen Chaos eingekehrt. Wir haben uns daran gewöhnt, auf einer niemals enden wollenden Baustelle zu leben, wobei sich der Ort des Schaffens zum Glück mittlerweile vom Haus in den Pferdestall und Außenbereich verlagert hat, sodass sich das Putzen auch mal lohnt, und die  Böden nicht mehr täglich neu von einer Zentimeter dicken Staubschicht bedeckt sind. Stattdessen haben wir uns in den letzten Wochen an das Einrichten des Gästehauses gemacht und arbeiten täglich Listen mit unzähligen Details ab. Und so gut wir uns auch zu organisieren versuchen, irgendwie steht man am Ende doch immer in einem Laden der nächst größeren Stadt und hat vergessen, das eine oder andere auszumessen. Nach der Rückkehr fällt auf, dass man noch zwei Glühbirnen mehr gebraucht hätte, oder der gekaufte Mehrfachstecker in einem Zimmer passt, aber im anderen eben aus irgendwelchen Gründen nicht. Gerade was Glühbirnen betrifft, scheint unser Haus unersättlich zu sein, denn in unserem Ort haben wir bereits sämtliche LED-Glühbirnen mit warmen weiß aufgekauft, aber irgendwie findet man dennoch immer wieder die eine oder andere Lampe ohne Birne.

Tatsächlich sind unsere Tage lang und arbeitsreich und dass Wochenende ist, bekommen wir nur mit, weil Sonntags keine Bauarbeiter am Hof sind und sich stattdessen um elf Uhr die gläubigen Gemeindemitglieder auf der anderen Straßenseite in der Dorfkirche zum Gottesdienst treffen. Jeder Tag ist voller Aufgaben und Termine und falls man tatsächlich morgens mal nach der Stallarbeit nicht wissen sollte, womit man beginnen soll, dann kann man ziemlich sicher sein, dass kurz darauf ein Anruf kommt, der den Tagesverlauf in völlig ungeahnte Richtungen lenkt. Abends sind wir oft völlig erschöpft und nicht selten fällt uns dann auf, dass wir im Durcheinander des Tages vergessen haben etwas zu essen. Den Tagesablauf besser zu organisieren ist leider schwierig, denn man weiß nie genau, wann der heiß ersehnte Handwerker für dieses oder jenes kommt und wenn man fragt, bekommt man nicht selten die Antwort: Wenn er da ist. Am Ende läuft es dann meistens darauf hinaus, dass er gleichzeitig mit noch zwei anderen Personen in der Tür steht, die auch etwas von einem wollen. Der arme Filipe müsste sich dann oft zerteilen, um allen gerecht zu werden. Obwohl mein Portugiesisch jetzt endlich langsam Formen annimmt (zwischenzeitlich hatte ich schon Zweifel, ob es jemals dazu kommen wird) und ich in der Lage bin einfachere Konversationen halbwegs zu meistern, kann ich ihm in diesen Momenten leider noch nicht helfen und er muss gleichzeitig alle Arbeiter koordinieren.

Aber die ganze Anstrengung lohnt sich definitiv, denn Haus und Grundstück haben bereits eine gewaltige Metamorphose hingelegt und erstrahlen in neuem Glanz. Wobei diese Veränderungen auch ihren Preis haben: Der Titel für mein derzeitiges Leben könnte nämlich gut und gerne „Pleiten, Pech und Pannen“ lauten, denn für jeden Schritt nach vorne wartet auch immer wieder eine neue kleine Herausforderung auf uns. Am Ende überwiegt aber definitiv die Freude über jeden einzelnen Tag und ich liebe es, die kleinen Fortschritte zu bewundern und den Hof langsam zu neuem Leben erweckt und seine ganze Schönheit entfalten zu sehen. Bereits vor vielen Wochen habe ich mich dazu entschieden, meinen Fokus auf die positiven Aspekte, also in diesem Fall den Fortschritt, zu richten, und mir meine Freude darüber nicht von den kleinen Unwägbarkeiten vermiesen zu lassen. Missgeschicke und Rückschläge gehören nun mal dazu, aber indem ich ihnen so wenig Bedeutung wie möglich beimesse, beeinflussen sie mein Leben auch nicht unnötig. Natürlich habe ich mich ziemlich geärgert, als die Teppichfirma die nicht gerade günstigen Teppiche für die Korridore völlig falsch ausgemessen hatte und sich die Montage des red carpet ein bisschen verspätet. Aber am Ende geht die Welt davon auch nicht unter und eine kleine Verzögerung werde ich durchaus verkraften.

Auch unsere blöde Erfahrung mit dem unfreundlichen Pferdeverkäufer haben wir gut überstanden und am Ende hat sich mal wieder bewahrheitet, dass sich Enttäuschung nicht lohnt. Denn tatsächlich hatte das Leben etwas viel besseres mit uns vor: Noch am selben Tag, an dem ich meinen letzten Blogbeitrag gepostet habe, kam ein Anruf von einem netten Bekannten aus der Gegend, der uns angeboten hat, uns seine beiden Pferde zu schenken. Er kann selbst aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr reiten und hatte seine Reitpferde die letzten Jahre als Vollzeit-Rasenmäher bei sich stehen. Ich war total überwältigt von diesem großzügigen Angebot und wir fuhren wenige Tage später hin, um die beiden Tiere anzusehen. Die Lusitano-Stute und das schwere schwedische Warmblut, das an einen überdimensionierten Teddybären erinnert, waren super lieb und bestens gepflegt und Filipe und ich waren überglücklich, die beiden bald in unserer Familie willkommen zu heißen.

Da unser Pferdestall aber derzeit noch im Umbau ist und wir nur zwei Pferdeboxen für die Nacht zur Verfügung haben, bis der Offenstall und die zusätzlichen Paddockboxen fertig sind, war unser aktuelles Problem damit aber leider noch nicht gelöst: Die wunderbare Lusitano-Stute, die Gin in den ersten Wochen Gesellschaft geleistet hatte, war bereits in ihr neues zu Hause in Deutschland gereist und somit benötigte Gin einen neuen Partner. Vorübergehend lieh uns ein Freund seinen Wallach, der bei uns ein bisschen Urlaub machte, aber das konnte keine Dauerlösung sein. Und die beiden Pferde, die unser Bekannter uns schenken wollte, konnten natürlich auch nicht auseinandergerissen werden. Wir brauchten also nach wie vor ein Pferd.

Portugal wäre nicht Portugal, wenn sich nicht für jedes Problem immer eine Lösung finden ließe. Denn neben Gastfreundschaft steht Hilfsbereitschaft bei den Menschen hier ganz oben. Und da jeder irgendwie jeden kennt, gibt es auch immer viele fleißige Helfer, die da jemanden wissen, der vielleicht ein Pferd zu verkaufen hätte. Und im nächsten Moment hat man gleich mehrere Angebote in der näheren Umgebung auf dem Tisch. Zwei davon wählten wir aus und fuhren hin.

Das erste Pferd war eine hübsche fuchsfarbene Lusitano-Stute. Der Besitzer führte zuerst sein Pony und seinen Esel aus dem Stall, um uns die beiden Tiere stolz zu präsentieren. Während er damit beschäftigt war, die Stute aus dem Stall zu holen, wagten wir einen Blick ins Innere des Gebäudes und mich traf fast der Schlag. Der Stall bestand aus einem fensterlosen, stickigen Kellerverließ ohne jegliches Tageslicht. Die Tiere waren im hinteren Teil des Raumes angebunden, sodass sie sich nur hinlegen oder stellen konnten. Neben der Eingangstür befand sich die einzige Versorgungsstelle mit Wasser, die aus einem großen steinernen Wasserbasin bestand, dessen Oberfläche grünlich und schleimig wirkte. Absolut nicht die Art von Wasser, die ich meinen Tieren zum Trinken anbieten würde. Die Stute machte einen leicht verschreckten, aber lieben Eindruck. Sie war völlig unterernährt und ihre Hufe waren viel zu lange und sicherlich seit mehreren Monaten nicht mehr bearbeitet worden. Das Fell im Gesicht fehlte an den meisten Stellen, wahrscheinlich durch das pausenlose Tragen des Halfters abgescheuert. Aber auch am restlichen Körper schuppte sich das Fell und fehlte an vielen Stellen. Ich war ein bisschen geschockt, denn dieses Tier, das für mich eindeutig in die Kategorie „Rettungspferd“ fiel, war in den Augen des Besitzers völlig in Ordnung. Der alte Mann, der früher einmal Hufschmied gewesen war, war ein sehr netter und herzlicher Mann und ich konnte nicht verstehen, wieso er das Leid dieses Tieres nicht sehen konnte.

Auch das nächste Pferd, das wir uns ansahen, befand sich in einem ähnlichen Zustand. Es war eine nicht allzu große braune Lusitano-Stute mit einem weißen Stern auf der Stirn und einem hübschen Gesicht. Leider zeigte sie dieses nicht gerne, sondern teilte uns ihre Meinung über unseren Besuch mit dauerhaft angelegten Ohren und wiederholten Drohgebärden mit. Als ich ihre Hinterbeine anheben wollte, erntete ich für diesen Versuch einige nachdrückliche Tritte, die klar machten, dass man sich dafür lieber mehr Zeit nehmen sollte. Ihr Körper war völlig unproportioniert und unter den deutlich herausstehenden Rippen und Hüfthöckern, fehlte es an jeglichem Körperfett und Muskeln. Nur ein ausgesprochen großer Bauch fiel auf, und man konnte fast sagen, dass diese Stute nur aus Knochen und Bauch bestand.

Um ehrlich zu sein kann ich nicht gerade sagen, dass es bei mir Liebe auf den ersten Blick gewesen war. Mir schossen eher Bezeichnungen wie „das hässliche Entlein“ durch den Kopf, aber Filipe sah etwas Besonderes in ihr und schließlich fällte er die Entscheidung, dass sie unser neues Familienmitglied werden würde. Am liebsten hätte ich beide Pferde gerettet, aber wir hatten momentan eben nur eine einzige Box frei. Das namenlose Stütchen, das wir Almofada tauften, was Kissen bedeutet und wofür wir von den Portugiesen nur ungläubiges Lachen ernteten, zog zwei Tage später bei uns ein und kurz darauf wurde der Verdacht bestätigt, dass wir zwei Pferde in einem gekauft hatten: Almofada würde bald Mami werden. Wir freuten uns sehr darüber und sehen es als ein gutes Omen an, dass wir, mit ein bisschen Glück, bald schon ganz ungeplant ein erstes Fohlen auf unseren Wiesen herumspringen sehen dürfen. Doch davor müssen wir die Stute natürlich noch aufpäppel so gut es geht.

Dass Portugal ein Land der Gegensätze ist, ist für mich mittlerweile keine neue Erkenntnis mehr. Somit überrascht es mich nicht allzu zu sehr, dass dieses Land mit seiner uralten Reittradition und Pferdezucht das Thema Tierschutz nicht zu kennen scheint. Mir ist in den letzten Monaten aufgefallen, dass bei vielen Menschen vor Ort einfach ein ganz großer Mangel an Wissen über die Bedürfnisse der Tiere besteht. Es ist hier ganz normal, dass Pferde ausschließlich mit Stroh gefüttert werden, es ist normal, dass sie unterernährt sind und es ist oft auch normal, dass es keinen regelmäßigen Zugang zu sauberem Trinkwasser für die Tiere gibt. Ich habe mittlerweile für mich erkannt, dass mein Herz daran hängt, mit einem guten Beispiel voran zu gehen und den Leuten, die interessiert und offen sind, zu zeigen, dass es auch anders geht- und vor allem wie. Ich kann die Menschen nicht ändern, aber ich kann einen kleinen Beitrag dazu leisten, das Leben einiger Pferde vor Ort zu verbessern und damit gleichzeitig einen Anreiz für andere bieten, es selber auch besser zu machen.

 


 

„Alle Hindernisse und Schwierigkeiten sind Stufen,

auf denen wir in die Höhe steigen.“

Friedrich Nietzsche

 

Traumjaeger.net: Pferdekuss

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