Startschuss

Und plötzlich ging es los. Natürlich hatte sich die Eröffnung unseres Gästehauses langsam angekündigt – das Haus war bereits seit Wochen fertig renoviert und es fehlten nur noch einzelne Dekosachen, oder andere Kleinigkeit. Filipe bemühte sich um unsere Tourismuslizenz, was in Portugal natürlich nicht ohne mehrfaches Erscheinen auf dem zuständigen Amt abläuft.

Ich hatte ja bereits erwähnt, dass die bürokratischen Anforderungen in Portugal bei so ziemlich allem äußerst hoch sind, wobei sich die Kompetenz der Fachkräfte allerdings nicht immer auf dem gleichen Niveau befindet. Das hatte zur Folge, dass man mehrfach auf das Amt gehen musste, um irgendwelche Papiere nachzureichen, neue Formulare anzufordern, oder Erklärungen zu unterschreiben. Schließlich kam der große Tag, an dem zwei Inspektoren des Rathauses unser Haus inspizierten und untersuchten, ob alle gesetzlichen Bestimmungen erfüllt wurden. Filipe und ich waren an dem Tag ziemlich aufgeregt und hatten noch jede Menge zusätzlicher Sicherheits- und Hinweisschilder in einer Kommode gehortet, um im Falle der Fälle gleich nachlegen zu können und somit eine weitere Verzögerung zu verhindern. Die beiden Inspektoren waren aber super nett und schwer beeindruckt von unseren Räumlichkeiten und am Ende lief alles erstaunlich problemlos ab. Eigentlich zu einfach, wie Filipe und ich bereits gelernt haben. Und tatsächlich – die Quittung dafür kam eine Woche später.

Filipe hatte seit der Inspektion nichts mehr von den Herren gehört und wir warteten mit großer Spannung auf unsere Lizenz – denn ohne diese Lizenznummer kann man sich bei keinem der großen Onlineportale als Gästehaus registrieren. Nach einiger Zeit entschied er sich also beim Rathaus vorbei zu fahren und mal nachzufragen, wie der Stand der Dinge ist. Dort verkündete man ihm, dass unser Antrag auf Eis gelegt wurde. Die beiden freundlichen Inspektoren hatten uns bei ihrem Besuch einen falschen Betrag für die Inspektion berechnet und obwohl das offensichtlich nicht unsere Schuld war, wurde das ganze Verfahren also einfach mal eingestellt. Unnötig zu erwähnen, dass wir im fortschrittlichen Zeitalter des Telefons leben… Filipe beglich vor Ort sofort den ausstehenden Betrag und anschließend wurde ihm mitgeteilt, dass wir erst in der darauffolgenden Woche mit unserer Lizenz rechnen konnten. Wir sollten also eine weitere Woche verlieren… Glücklicherweise legte ein Bekannter, dem Filipe die Sache beiläufig erzählte, ein gutes Wort für uns ein und wie durch ein Wunder hatten wir das heiß ersehnte Dokument bereits am nächsten Tag in der Tasche. Ja, das ist Portugal: Wenn man etwas dringend braucht, ist es immer von Vorteil jemanden zu kennen, der jemanden kennt, …

Abgesehen davon, dass der Text der Lizenz dann noch zwei Mal geändert werden musste, weil das Tourismusamt sie als fehlerhaft ausgestellt befand, waren wir glücklich und unser Abenteuer vom Gästehaus konnte nun endlich los gehen. Filipe verbrachte daraufhin mehrere Tage im Internet und am Telefon mit Booking.com und wälzte sich durch die niemals enden wollenden Fragenkataloge zu unserem Anwesen und Angebot. Und schließlich kam der große Moment: Unser Gästehaus war online! 😊 Viel Zeit zum Warten blieb uns nicht, denn an der Außenanlage laufen die Umbauarbeiten noch immer auf Hochtouren und es gibt immer viel zu tun. Nach wenigen Tagen dann traf die erste Buchung über´s Internet ein. Es ging los!

Zum Glück hatten wir vorher schon einige Freunde, Bekannte und Bekannte von Bekannten als Versuchskaninchen missbrauchen dürfen und dabei bereits die Abläufe im Gästehaus üben können. Insofern war nicht mehr alles brandneu, als das portugiesische Pärchen bei uns eintraf. Die beiden waren sehr sympathisch und Filipe blühte förmlich auf in seiner Rolle als Gastgeber. Die Nacht verging schnell und auch das Frühstück am nächsten Morgen verlief problemlos. Vor der Abfahrt machten wir noch einen gemeinsamen Rundgang über das Anwesen. Unsere ersten „echten“ Gäste zogen schließlich von dannen und erklärten uns vorher noch, dass sie mit ihren Kindern zurück kommen wollten, sobald das Reitzentrum und der Pool in Betrieb waren. Wir fassten dies als Kompliment auf und freuten uns sehr darüber, dass es unseren Gästen anscheinend bei uns gefallen zu hatte.

Während das Gästehaus also langsam anlief, wir uns über jede Buchung wie Schneekönige freuten und immer mehr Gefallen daran bekamen, einen glücklichen Gesichtsausdruck in die Gesichter unserer Gäste zu zaubern, machte ich mich nebenbei noch daran, eine weitere Idee in die Realität umzusetzen: Diverse Kurse und Workshops auf unserer Anlage zu organisieren.

Da ich selbst immer viel Freude an Seminaren aller Art gehabt hatte und durch die Verwirklichung unseres Traumes vom eigenen Gästehaus mit Pferdecenter in Zukunft örtlich gebunden sein werde, würde es mir natürlich nicht mehr so einfach möglich sein, solche Kurse zu besuchen. Die Lösung lag also nahe: Ich musste diese Kurse zu uns holen. Die Voraussetzungen waren gut und ich kontaktierte meine Pferdetrainerin aus Deutschland, die gerne bereit war, uns für einen Wochenendlehrgang zu besuchen. Danach startete ich einen Aufruf in einer Facebook-Gruppe, ob es dort Yogalehrer gäbe, die Interesse hätten. Und tatsächlich meldeten sich einige nette Yogalehrerinnen. Wir machten Telefontermine aus, um uns ein bisschen kennen zu lernen und unsere Ideen für einen Workshop auszutauschen. Ich fand es total spannend, dass jede eine etwas andere Vorstellung hatte, was unser Angebot am Ende nur erweitern und bereichern würde. So wollte eine einen Urlaubs-Yogakurs geben, eine andere wollte Familien mit Kindern ansprechen und wieder eine andere wollte die Pferde und Natural Horsemanship mit Yoga verbinden. Vielleicht werden am Ende nicht alle Kurse zustande kommen, aber ich habe gemerkt, dass es keinen Grund gibt eine Vorauswahl zu treffen. Solange die Person sympathisch ist und das Konzept passt, freue ich mich über jedes Angebot und ich vertraue darauf, dass am Ende genau die Kurse zustande kommen, die zu uns passen. Und sollte diese Rechnung nicht aufgehen, habe ich für´s nächste Mal dazu gelernt und weiß, wie ich es besser machen kann.

Momentan freue ich mich einfach wahnsinnig darüber, wie der Frühling alle Bäume und Blumen zum Leben erweckt und auch unser Gästehaus langsam Fahrt aufnimmt. Unser Fohlen wächst und gedeiht und ist gleichermaßen verschmust wie frech. Vor allem vor ihren flinken Hinterbeinchen muss man sich in Acht nehmen, wenn sie ohne Rücksicht auf Verluste über die Weiden bockt und sich ihres Lebens freut. Wer da gerade zufällig im Weg steht, sollte sich aktiv verteidigen, sonst hat er Pech gehabt. Und auch ihre Mama hat ordentlich Speck auf die Rippen bekommen und hat sich zu einem recht hübschen Pferd gemausert. Sie ist nicht gerade das freundlichste und offenste Tier auf dem Hof geworden, aber ich habe die Hoffnung, dass sich das noch bessern wird, sobald das Training los geht.

Diesen April wurden wir mit jeder Menge Regen beglückt. Was für die Natur toll ist, ist für das Reittraining weniger gut, da die Wiesen mittlerweile zu nass sind, um darauf zu reiten und sich durch den Regen auch der Bau unseres Reitplatzes in die Länge zieht. Aber es ist alles auf einem guten Weg und unsere fleißigen Arbeiter sind sichtlich bemüht. Diese Jungs haben wir mittlerweile ins Herz geschlossen und es wird sicherlich ein seltsames Gefühl werden, wenn alle Umbauarbeiten abgeschlossen sind, und sie nicht mehr täglich auf dem Hof sind. Aber das wird wohl noch eine Weile dauern, denn momentan sind sie mit Arbeit bestens versorgt und wir haben immer neue Ideen, die wir zeitnah umsetzen wollen. Daher genießen wir ihre gute Laune und ständigen kleine Späße und Neckereien und freuen uns jeden Mittwoch auf die kleine Tradition, die sich zwischenzeitlich eingebürgert hat: Dann essen wir alle zusammen im Pferdestall frische Grillhähnchen vom Markt mit leckerem Maisbrot. Natürlich wird im Stehen und mit den Fingern gegessen und mit Bier oder Wein herunter gespült. Das ist zwar nicht der luxuriöseste Weg zu Essen, aber ein sehr netter und geselliger und wir haben immer viel Spaß dabei.

So, jetzt muss ich auch schon los und das blendende Wetter am Ostersonntag ausnutzen: Die restlichen Pferdezäune bauen sich eben nicht von selbst…

 


 

“Every dream is reality waiting to happen.”

John Strelecky

 

Traumjaejer.net: Quinta Lusitania Frühling 2019

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