Die letzte Praline

Seit der Eröffnung unseres Gästehauses Anfang April hat sich das Leben von Filipe und mir abermals komplett auf den Kopf gestellt. Zuerst hatten wir alle Hände voll mit den Gästen zu tun und damit, die Abläufe zu optimieren und heraus zu finden, was wir verbessern können. Dann war endlich unser Reitplatz fertig und damit der Startschuss für unsere kleine Reitschule gegeben. Unsere Angestellte und gute Seele des Hauses Laurentina sollte erst ab Juni in Vollzeit bei uns arbeiten und somit hatten Filipe und ich oft alle Hände voll zu tun, um gleichzeitig die Übernachtungsgäste, als auch unsere neuen Reitschüler glücklich zu machen und nebenbei noch das Haus in Schuss zu halten und den Garten vor dem Vertrocknen zu retten. Besonders an den Wochenenden bedeutete das für uns einen echten Spießroutenlauf, denn die ersten Reitstunden begannen um zehn Uhr, und zu der gleichen Zeit musste noch das Frühstück überwacht und danach abgeräumt werden. Am Sonntagabend waren wir dann meistens völlig erledigt und freuten uns schon fast, dass unter der Woche aufgrund der Schule weniger Reitstunden stattfanden.

Mittlerweile hat sich die Situation für uns jedoch deutlich entspannt, nachdem Laurentina uns jetzt an fünf Tagen der Woche zur Seite steht und die Schulferien die Reitstunden der Kinder aus dem Dorf über die ganze Woche verteilen lassen. Ein Luxus, den wir in vollen Zügen genießen und äußerst dankbar dafür sind.

Bis dahin hatten wir jedoch eine ganze Menge an Stolpersteinen und Hürden zu meistern, die sich uns in den Weg warfen. Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass man nicht erwarten sollte, dass sich das eigene Traumleben ohne Schwierigkeiten entfalten wird. Im Gegenteil scheint es so, dass – sobald man sich tatsächlich auf den Weg gemacht hat – jede Menge Herausforderungen auf einen warten und einen testen, wie ernst man es wirklich mit seinem Vorhaben meint.

Ich kann dies nur bestätigen, denn es gab Zeiten, in denen ich mich fragte, ob es denn wirklich sein muss, dass jeden Tag eine neue kleine Katastrophe auf mich wartet. Es passierten die absurdesten Dinge und Filipe und ich tappten in genau die klischeehaften Fallen, von denen bereits jedes Kind gehört hat und wir nie erwartet hätten, dass uns etwas so Blödes auch selbst passieren könnte. Aber ja, es kann und es tat es und ich bin mir nicht sicher, ob es nicht vielleicht auch wieder passieren wird. Aber wir lernen mit jeder Erfahrung dazu und trotz allem haben wir uns in unser Leben hier schwer verliebt und möchten um keinen Preis mehr tauschen.

Eine dieser blöden Geschichten der letzten Wochen war die Sache mit den beiden geschenkten Pferden. In meinem Artikel „Das ganz normale Chaos“ hatte ich von dem netten Bekannten berichtet, der uns freundlicherweise seine beiden Pferde schenken wollte. Anfang Mai war es dann endlich so weit und die beiden Vierbeiner zogen bei uns ein. Filipe und ich hatten die Pferde Wochen vorher angesehen und die Tiere hatten einen guten Eindruck gemacht. Sie hatten seit einigen Jahren nur noch als Rasenmäher fungiert, aber wir wollten es mit dem Training sowieso langsam angehen lassen und sahen kein Problem darin. Als die Pferde jedoch eintrafen, war eines der beiden, eine mittelalte Lusitano-Stute, bis auf die Knochen abgemagert. Der Vorbesitzer hatte mich vorgewarnt, dass sie in den letzten Wochen unvermittelt erheblich abgenommen hatte, aber als ich sie dann sah, war ich doch sehr erschrocken. Am nächsten Tag kam der örtliche Tierarzt und nahm sämtliche Laborproben mit. Doch alle Bemühungen die Stute zum Fressen zu bringen blieben erfolglos und auch die Laborergebnisse brachten kein Licht ins Dunkel. Nach ein paar Tagen beschlossen Filipe und ich die Stute in die eineinhalb Stunden entfernte Uniklinik zu bringen, wo eine Gastroskopie schließlich hochgradige Magengeschwüre zum Vorschein brachte. Wir begannen sofort mit der Therapie und hofften, dass es ihr bald besser gehen würde. Zeitgleich begann ich äußerst schonend das Training mit dem Wallach und es schien zunächst gut voran zu gehen.

Doch leider wurde der Zustand der Stute eher schlechter als besser und noch dazu kam, dass sie ziemlich gestresst von der Anwesenheit der anderen Pferde war. Als eher ranghohes und dominantes Tier wollte sie gerne mit der Herde mitlaufen, aber ihr gesundheitlicher Zustand war so schlecht, dass ich sie für nicht fit genug zur Eingliederung befand. Das hielt sie aber nicht davon ab, den ganzen Tag nervös am Zaun auf und ab zu gehen, wo Ruhe und Entspannung für ihre Heilung doch entscheidend waren. Einmal ging sie sogar durch den Zaun und wurde von den anderen Pferden regelrecht verprügelt. Wir konnten sofort einschreiten und wie durch ein Wunder war ihr nichts passiert, aber ich begann nun ernsthaft daran zu zweifeln, ob es richtig war dieses Pferd auf dem Hof zu haben.

Wenig später stellte sich der Wallach leider als ungeeignet für unsere Reitschule heraus. Mit seinem etwas betagteren Alter und tiefen entspanntem Gemüt war ich davon ausgegangen, dass er das ideale Kinderreitpferd abgeben würde, wo er sich nicht viel anstrengen musste und sich sein Brot leicht verdienen konnte. Doch leider fand er es unerträglich mit einem kleinen Kind auf dem Rücken 15 Minuten auf dem Reitplatz geführt zu werden und wurde dabei richtig sauer. Anscheinend war ihm das schlichtweg zu langweilig. Nach einer heftigen Auseinandersetzung mit dem Wallach, in der er mir deutlich seine Meinung sagte, war meine Geduld am Ende. Nach drei Wochen Reitschule, Gästehaus, Baustelle und schwer krankem Pferd gleichzeitig, war der Streik des Wallachs zu viel für meine Nerven. Ich rief den Vorbesitzer an und überredete ihn, die beiden Pferde wieder abzuholen. Der Traum von zwei geschenkten Pferden war schön gewesen, aber in der Realität stellten sich die beiden leider als untragbare Belastung heraus. Ich sah mich mit der Tatsache konfrontiert, dass ich gerade 6 Pferde durchfütterte, von denen ich nur ein einziges zuverlässig für unseren Reitunterricht einsetzen konnte und eines sogar sehr krank war und sich trotz aller Bemühungen nicht zu erholen schien.

Die Entscheidung fiel mir schwer, denn wer gibt schon gerne ein krankes Pferd zurück. Es war aber offensichtlich, dass die Stute bei uns nicht zur Ruhe kam und ihre Magengeschwüre so wohl kaum abheilen konnten. Am Ende machte sich dann aber doch große Erleichterung bei mir breit, als die beiden Pferde zurück bei ihrem Besitzer waren. Erst jetzt wurde mir klar, was für eine enorme zusätzliche psychische Belastung die kranke Stute für uns gewesen war – in einer Zeit, in der Filipe und ich sowieso von allen Seiten enorm gefordert waren. Der Aufbau des Gästehauses, die immer noch andauernden Umbauarbeiten, der Aufbau der Reitschule, das Training der Pferde…. All das zehrte an unseren Kräften und ich lernte mir meiner Ressourcen besser bewusst zu werden und mich aktiv dafür zu entscheiden, wofür ich meine Energie sinnvoll einsetzen wollte und konnte.

Die Erfahrung mit den beiden geschenkten Pferden war für alle Beteiligten sicherlich kein Glanzstück gewesen, aber es hat mir nochmal deutlich gemacht genau hinzusehen, für welche Tiere ich Verantwortung übernehmen möchte. Als Reitschule und kleines Start-Up zählt nun mal jeder Mitarbeiter, egal ob 2- oder 4-beinig. Und dieses Bewusstsein hat mir auf unserer weiteren Pferdesuche dann wirklich enorm geholfen. Schöne Pferde gibt es überall, aber nicht jedes Pferd ist auch für unsere Zwecke geeignet.

Diese kleine Geschichte war nur eine von vielen und in meinem nächsten Blogbeitrag möchte ich von Pingo, meinem 4-beinigen Lehrmeister und unserem gemeinsamen Weg berichten. Vor Jahren habe ich einmal in einem Buch, ich glaube es war von Haruki Murakami, die Analogie mit der Pralinenschachtel gelesen. Dort hieß es, dass man sich das Leben wie eine Pralinenschachtel vorstellen sollte: Zuerst isst man alle guten Pralinen, und zum Schluss muss man eben auch die runterschlucken, die man nicht mag, bevor man eine neue Schachtel aufmachen kann. Daran erinnere ich mich gerne zurück, wenn es mir mal wieder etwas zu viel Drama in meinem Leben wird. Dann hoffe ich, dass die eben geschluckte Praline die letzte war und freue mich auf all die leckeren Pralinen, die in der neuen Packung auf mich warten und mir das Leben wieder versüßen.

 


 

„Die Bedingung, um im Hier und Jetzt erfüllt zu sein, ist, dem zuzustimmen, was war.“

Laura Malina Seiler

 

Traumjaeger.net: Gartentraum

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2 Antworten zu Die letzte Praline

  1. Sara Lier schreibt:

    Hallo! Seit einiger Zeit verfolge ich diesen spannenden Blog – ich weiß inzwischen gar nicht mehr, wie ich darauf gekommen bin, vielleicht über eine der FB-Gruppen der „Deutschen in Portugal“. Jedenfalls frage ich mich gerade, wie und wo ich euer Gästehaus finden kann! Ist das irgendwo auf dieser Seite erwähnt? Viele Grüße aus Alcabideche (bei Cascais)! Sara

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    • traumjaegersite schreibt:

      Hi Sara!
      Freut mich sehr, dass dir der Blog gefällt 😀 Du findest uns bei Facebook und booking.com unter “Quinta Lusitânia”. Bei Facebook posten wir jeden Tag ein Foto, sodass man die Veränderungen mitverfolgen kann. Filipes Familie kommt übrigens aus Cascais!
      Liebe Grüße

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