Yesterday

Gestern war kein guter Tag. Er begann ganz unauffällig und unspektakulär und nichts hätte zunächst darauf schließen lassen, welch dramatische Wendung meine Gefühlswelt bald vollziehen würde.

Erst nachdem ich die Pferde wie jeden Morgen auf die Weide gebracht hatte, setzte ich mich an den Schreibtisch und wollte einiges an Büroarbeit erledigen. Bisher hatte ich den Corona-bedingten Rückzug als etwas Positives erlebt, der mir Zeit schenkte und damit die Möglichkeit, Dinge aufzuarbeiten, die im Trubel des Alltags sonst immer liegen blieben. Ich konnte mich außerdem glücklich schätzen, denn im Gegensatz zu vielen anderen Menschen hatte ich ein Anwesen von 5 Hektar zur Verfügung, auf dem ich mich jeden Tag austoben und einem Wohnungskoller entgegen wirken konnte. Außerdem hielten mich unsere 8 Pferde, sowie Hund und Katze immer auf Trab und die Gefahr von Langeweile war somit wirklich ausgeschlossen.

Ich beschloss mich endlich dem Thema zuzuwenden, das ich seit Beginn der ganzen virusbedingten Krise erfolgreich vor mir hergeschoben hatte: Der Buchhaltung. Eine ungute Vorahnung hatte mich bereits seit längerem begleitet, aber bisher hatte ich sie mit dem Gedanken abgetan, dass ich schließlich nichts an der derzeitigen Situation ändern konnte und es das Beste wäre, erst einmal abzuwarten, wie sich die Dinge weiter entwickeln würden. Als ich nun aber die Zahlen grob überschlug, wurde aus dem bedrückenden Gefühl nahezu eine Panikattacke. Ich zwang mich zur Ruhe und begann ein Excel-Dokument zu erstellen, indem ich anhand der letzten 5 Monate unsere durchschnittlichen finanziellen Kostenaufwendungen ermittelte und dieses Ergebnis allen unseren verfügbaren finanziellen Mitteln gegenüber stellte. Um es kurz zu machen: Es sah nicht gut aus. Gästehaus und Reitschule waren seit Angang März geschlossen und wie lange dies noch so bleiben würde, konnte man absolut noch nicht absehen. Im besten Falle 1 bis 2 Monate, im schlimmsten Fall länger. Werden wir überleben können? Sollten all unsere Mühen, Arbeit und Hoffnungen umsonst gewesen sein? Meine Gedanken überschlugen sich und zum ersten Mal während der vergangenen Wochen voller trauriger und schockierender Nachrichten, bekam ich wirklich Angst. Angst um unsere Existenz, Angst davor alles zu verlieren, was man sich mühsam aufgebaut hatte. Von der Angst um seine Lieben ganz zu schweigen.

Wenig später saßen mein Mann und ich zusammen und wir gingen Kostenpunkt um Kostenpunkt durch und überlegten, wo wir Einsparungen vornehmen konnte. Netflix wurde gekündigt, das Audible-Abo pausiert, der Gärtner wurde eingespart, die Beleuchtungen des Anwesens auf ein Minimum reduziert, mein Portugiesisch-Unterricht musste auf rosigere Zeiten warten, usw. Alles, was gespart werden konnte flog raus, für immer oder zumindest bis man es sich wieder leisten konnte.

Wir überlegten auch, was man im Falle von Liquiditätsproblemen verkaufen könnte- unser alter Jeep, ein echter Klassiker, mein heiß geliebter Pferdetransporter, oder – an dem Punkte musste ich dann wirklich mit den Tränen kämpfen- das eine oder andere Pferd. Das wäre das Schlimmste. Doch wer wird in der momentanen Situation schon ein Pferd kaufen? Einen 30 Jahre alten Jeep? Einen Pferdetransporter? Und im schlimmsten Falle: Ein 5 Hektar großes Anwesen mit Haus und Pferdestall?

Als alles durchgerechnet und gesagt war, ging ich in den Stall, um die Boxen zu misten und alles erstmal sacken zu lassen. Mein Herz war eng und schwer und der Gedanke einige der Pferde zu verlieren, die für uns wie Familienmitglieder waren, lastete tonnenschwer auf mir. Ganz zu schweigen von der Vorstellung, meine Sachen packen und zurück ins kalte Deutschland zu müssen. Die vergangenen 1,5 Jahre hier in Portugal waren alles andere als ein Zuckerschlecken gewesen, aber ich schätzte jede einzelne Sekunde, die ich an diesem wunderbaren Ort verbringen durfte, liebte jeden einzelnen Stein und jeden Baum, jede Pflanze und jeden Ausblick. Ich liebte die Schönheit des Anwesens, seine sanft geschwungenen grünen Hügel, die bunten Farben der Blumen, die zarten Knospen der Obstbäume, die gerade begannen sich dem Himmel entgegen zu strecken. Die ruhige und entspannte Atmosphäre und den wohligen Duft nach Gras, Frühling und Fülle.

Als ich zurück ins Haus kam, stand mein Mann am Herd und bereitete gerade das Abendessen vor. Gefüllte Sepia-Tuben mit einer Rotwein-Tomatensauce, Süßkartoffeln und Maisreis. Immerhin verhungern würden wir nicht und jetzt war die beste Zeit, um endlich mal die stets überfüllten Vorratskammern leer zu futtern. Als hätte er meine Gedanken gelesen, standen 2 Longdrink-Gläser bereit und daneben eine Flasche Gin. Heute konnte ich wirklich ein Gläschen verkraften.

Wir umarmten uns lange und ohne darüber sprechen zu müssen, waren wir beide zu der gleichen Entscheidung gekommen: Wir werden es schaffen. Koste es, was es wolle. Das hier war unser zu Hause, unser Leben, das wir liebten, für das wir gekämpft hatten und für das wir weiter kämpfen werden. Dies war der Traum, den wir uns vor noch nicht allzu langer Zeit verwirklicht hatten und wir wollten ihn um jeden Preis noch viele Jahre weiter leben. Man ist erst besiegt, wenn man sich geschlagen gibt, und diese Option existierte für uns nicht. Anstatt in Angst und Panik zu verfallen, werden wir unsere Aufmerksamkeit auf das Positive richten und somit unseren Geist frei machen für gute Einfälle. Wir werden den Gürtel enger schnallen, härter arbeiten und neue Ideen ausprobieren. Wir werden Hilfe holen, wo es möglich ist und Strategien entwickeln, um weiter zu kommen. Wir werden Altes und Unnützes rausschmeißen und Innovation und Einfallsreichtum zu unserem Verbündeten machen. Wir werden notfalls auf den Abgrund zulaufen und riskieren zu verlieren. Doch eines werden wir ganz bestimmt nicht: Aufgeben.

 


 

„Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen,

durch die sie entstanden sind.“

Albert Einstein

 

traumjaeger.net: Flor and the farm

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